DIE KERNFORSCHER

Portrait: Bella Prolog: Spring, Springteufel spring! 21. Oktober 2014

Es waren genau drei Monate vergangen. Drei Monate, in denen sich derart viel ereignet hatte, dass es dem kleinen Team um James wie die Fahrt in einer Achterbahn vorgekommen war. Wohlgemerkt eine, an der noch nicht alle Schrauben fest saßen.

Es hatte eine Weile gedauert, bis sie das neue Büro gefunden hatten. Walter Frese hatte nicht mit sich verhandeln lassen. Immerhin war es ja er, der mit großer Geste tief in seine Taschen griff und so beharrte er auf seinen konkreten Vorstellungen, die er von einem “Medienunternehmen” hatte: Großraumbüro in der Hafencity. Modern sollte es sein, und einen gewissen “Chic haben”, wie er es nannte.

Letzten Monat hatten sie es dann nach langer Suche endlich bezogen: 700 Quadratmeter, knapp über 14.000 Euro Kaltmiete, sechste Etage, Fensterfronten ringsherum, eine herrliche Aussicht, die im Team jedoch bisher noch keiner wirklich hatte genießen können. Zu groß war der Stress, der Druck der seit der verrückten Idee damals in James Küche, stetig weiter gestiegen war: Sie hatten sich etwas wirklich Großes vorgenommen und heute, an einem milden Apriltag, an dem anderswo die Menschen der Stadt sich ihren Frühlingsgefühlen hingaben, würde sich zeigen, ob sie mit ihrem Konzept richtig lagen oder alles versemmeln würden. Kurz gesagt: Die Nerven lagen blank.

Walter sah auf die Armbanduhr: Es war fünf vor Sechs abends. Er trug einen haselnussbraunen Anzug, dessen Nähe zu seiner doch eher welligen Taille Mary mehrfach die Augen hatte rollen lassen. Niemand wusste, ob die beiden nun ein Paar waren, einschließlich Walter. Dabei hatte Mary keine zwei Wochen gebraucht und seither fraß er ihr aus der Hand. Das wiederum hatte James zunächst zähneknirschend zur Kenntnis genommen. Dann aber hatte er begriffen, dass ihn einerseits seine Mutter hierdurch ein Stück weit aus den Augen verlor, andererseits Walter Frese, der nun mal das ganze Vorhaben finanzierte, geradezu milde auf die nicht enden wollenden Nachschubanfragen aus dem Team reagierte. Für gewöhnlich tat er zwar so, als wenn er bei jedem Etat hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen hatte. Er fragte nach, zögerte, musterte den Fragenden mit skeptischer Miene, doch dann kam es endlich, sein mittlerweile schon zum geflügelten Wort mutiertes: “Ach was… Man lebt nur ein Mal”. Und mit einem gönnerhaft in die Länge gezogenen Brummton stellte er den nächsten Scheck aus. Bis heute…

Heute waren sie alle gekommen. James, der seine Bella noch immer nicht gefunden hatte – trotz mehrerer, großer Suchaktionen – Mr. X, der ihm nicht mehr von der Seite wich. Manfred, im Schlepptau seine Frau Ginger, die sich “vorsichtshalber” einen Halbtagsjob in einer Parfümerie besorgt hatte; was dazu führte dass ihre beiden Söhne, die pubertanten Zwillinge Julian und Daniel, fast täglich nach der Schule im Büro herum chillten. Kevin, ohne irgendjemanden als Begleitung – aber mit einer ständig filmenden Videokamera bewaffnet. Franka, mit der kleinen Anabel und ihrem Vater, “Opa Jim”. Ihre Freundin Georgia. Leslie Mingfei Schneider, die in den letzten Wochen das Team verstärkt hatte und darauf bestand, dies “ehlenamtlich” zu tun. Und dann noch eine kleine Armada aus neuen Praktikanten, freien Mitarbeitern, eine Fensterreinigungstruppe, einige Handwerker und das IT-Team. Letztere hatten es geschafft, das gesamte Büro in kürzester Zeit wieder an die digitale Welt anzuschließen, im Nacken Kevin Schmidt, der jeden ihrer Schritte mit Argusaugen bewachte. Im Moment waren sie damit beschäftigt, im Foyer des Bürohauses den großen Moment technisch vorzubereiten, auf den nun alle seit Wochen hingearbeitet hatten: Die Pressekonferenz!

Während Walter Frese mit zwischen den weißen Bürotischen umher stolzierte, hier und da kleine aufmunternde Kommentare machte, jedem zuwinkte, jedoch in heimlichen Momenten mehr mit dem korrekten Sitz seines Anzugs beschäftigt war, lief bei den anderen der Schweiß literweise. James hatte ein Rede-Script für den Abend angefertigt, das er nun schon zum siebten Mal änderte. Wenn Manfred vor der Kamera punkten wollte, dann sollte jede Formulierung sitzen. Immer wieder strich James ganze Textpassagen heraus und schrieb neue hinzu. Er hatte vom Pressekonferenzablauf eine minutiöse Skizze angefertigt, die er unverhältnismäßig lang anstarrte. Was hatte er den anderen da nur eingeredet? Bisher schien alles wie ein Spiel. Doch jetzt wurde es Ernst und er sah sich in der Verantwortung dafür, dass sie keinen Schiffbruch erlitten. Schade, dass sein Freund Frank Schlechter nicht dabei war. Er hatte im letzten Moment gekniffen, da er mit Walter so gar nicht konnte. Und von dem kam nun mal das Geld.
James hielt inne und lauschte dem Stimmengewirr im Raum. Zu seinen Füßen hörte er Mr. X leise schnarchen und das beruhigte ihn irgendwie.

Franka sah zu ihrem Vater herüber. Dieser saß an einem der großen, leicht getönten Panoramafenster. Die eine Hand um Anabel gelegt, die auf seinen Schoß saß, schlief, und hin und wieder leise hüstelte. Mit der anderen blätterte er in einer der Nerd-Zeitschriften, die überall herum lagen. Franka wusste, dass er vom Inhalt rein gar nichts verstand, aber immerhin war er gekommen und sie konnte sich auf die Arbeit konzentrieren. Franka schnaufte. Bis eben war ihr Tisch noch komplett umstellt gewesen: Techniker die sie baten, noch einige Teile vom Lieferanten zu ordern. Zwei Praktikantinnen, für die sie einige Dokumente aus dem noch neuen EDV-Netzwerk herausgesucht hatte. Noch zwei Praktikanten, die den ersten Tag da waren und die sie einweisen sollte (sie hatte es eigentlich auf später verschoben). Ein freier Web-Designer, der mit seiner Gestaltung bei Kevin auf taube Ohren gestoßen war. Kevin selbst, für den sie nach einem handfesten Streit mit den Handwerkern im Foyer hatte vermitteln müssen. Eine der Fensterreinigungskräfte die mit ihr die Arbeit des Teams abrechnen wollte. Und so weiter und so fort. So ging es schon seit Wochen. Franka sprang hier hin und dort hin, reagierte auf die Wünsche und Anforderungen des stetig wachsenden Teams. Kaum mal ein paar Minuten Zeit, sich um die Einrichtung ihres eigenen Arbeitsplatzes zu kümmern. Gerade jetzt winkte Manfred März sie hastig herbei. Ihr wurde mulmig.

Irgendjemand in Haus, wahrscheinlich im Büro unter ihnen, hatte sich entschieden, ausgerechnet heute einer Wand mit schwerem Gerät zu Leibe zu rücken. Seit früh morgens schon hörte man ein durchgehendes, schrilles Bohren, unterbrochen von mannigfachen Rumpelgeräuschen. Es hörte sich an, als seien die Handwerker da unten so richtig auf den Geschmack gekommen und hätten einen sportlichen Eifer entwickelt, das gesamte Stockwerk in Staub zu verwandeln. Manfred, der seinen Text übte, dabei von Ginger mit strenger Miene und den Zwillingen mit belustigter Häme beobachtet wurde, hatte nun schon zum zweiten Mal das durchgeschwitzte Hemd gewechselt. Er fluchte innerlich mehr, als dass er sich auf seinen Text konzentrierte. Er hasste das Büro schon jetzt. Wer konnte nur so doof sein, davon auszugehen, dass so viele Menschen in einem Großraumbüro ungestört kreativ tätig sein könnten? Doch nur dieser Frese, der von all dem hier so viel Ahnung hatte, wie ein Orang Utan von Differenzialrechnung. Obwohl, beim Orang Utan war er sich nicht so sicher…

Manfred schob Ginger von sich weg, die nun schon eine gefühlte Ewigkeit an seiner Krawatte herum nästelte. Das würde was geben heute Abend.

Im gesamten Büro waren große Flachbildschirme aufgehängt worden. Auf ihnen liefen die unterschiedlichsten TV-Kanäle, eine Twitter-Wall, die Facebook-Seite, der YouTube-Kanal und noch einige andere Social Media-Websites, die nur Kevin kannte. Einige Praktikanten waren gerade in das Live-Programm eines Web-TechTV-Senders vertieft. Der Rest von ihnen wuselte geschäftig seine Bahnen um die Tische herum. Mary stand in der Küchennische und war dabei, vegane Sandwiches für die Journalisten, die sich langsam unten im Foyer sammelten, mit Beilagen zu garnieren. Georgia und Mingfei Schneider halfen ihr dabei. Sandwiches gingen immer. Und sie war spitze darin. Mary Bridge war schon ein wenig stolz auf ihren Sohn. Immerhin hatte er es geschafft, nach dem großen Desaster im Januar die gesamte Truppe zu motivieren, ganz von vorne zu beginnen. Mary war sich sicher: Er hatte doch etwas von seinem Vater mitbekommen.

Sie schaute in den Büroraum. Es hatte sich einiges getan und sie war ein Teil davon. Sie entdeckte Walter, der gerade die Arbeit des Fenster-Teams kontrollierte und augenscheinlich in eine Diskussion über Schmierstreifen mit dessen Chef vertieft war. Was würde aus der Geschichte mit diesem Mann noch werden? Wusste sie das? Nein. Fühlte sie sich wohl dabei? Ja. Das erste Mal seit langem lief es mal wieder gut für sie, war sie nicht mehr so allein, hatte nicht diese ständige Angst im Nacken und keine Piccolo-Flasche mehr angerührt.

Noch ein paar Minuten, dann würden sie alle nach unten gehen. Dann würde Manfred März vor das Mikro treten und das neue Konzept bekannt geben. Dann würden die Journalisten die frisch gedruckten Broschüren in den Händen halten; würden viele Fragen stellen und Fotos machen. Noch ein paar Minuten. Dann gab es kein Zurück mehr.

Mit etwas Glück war auch schon der erste Kunde mit an Bord. Also hatte sich die Arbeit wohl doch gelohnt und man konnte zuversichtlich in die Zukunft schauen. Ihr Konzept war wirklich neu: Ein multimediales WebTV-Format das es hier so noch nicht gab. Vielleicht keine Überraschungsbombe, aber durchaus was Frisches, etwas Neues, mit großem Potenzial.

James wusste, dass er noch lange an der Rede hätte feilen können. Er hatte alle Vorschläge von Franka, Manfred, Kevin, sogar Leslie Mingfei Schneider und Walter berücksichtigt, doch jetzt war es soweit.

18:01 Uhr

Sie mussten ins Foyer. Eben wollte er aufspringen und das frisch ausgedruckte Manuskript zu Manfred herüber bringen, als es mit einem Mal laut wurde. Sehr laut. Ein regelrechter Tumult entstand.

Einer der Praktikanten kam auf ihn zugelaufen und packte ihn am Ärmel… Sein Gesicht war verzerrt. Er riss den Mund auf, doch es kam nichts heraus. Stattdessen zeigte er hinüber zu einem der Bildschirme, vor dem sich immer mehr Mitarbeiter versammelten. Manfred März stürzte herbei. Alles gestikulierte, diskutierte und starrte auf das was auf dem Monitor geschah. James beobachtete, wie erst ein Praktikant Franka, dann Franka Mary, Mary Walter und zuletzt Walter Manfred was ins Ohr flüsterte. Dieser hob beschwörend die Hände und rief “Ruhe!” Dann griff er nach der Fernbedienung und stellte das Gerät noch etwas lauter: Es lief ein TechChannel. Alles sah nach oben. Irgendwo hörte man jemanden schluchzen. Wie in Zeitlupe begriff James was hier gerade geschah.

Manfred März spürte ein Gluckern in der Magengegend. Er sah zu Julian und Daniel, die zwar mit zu den anderen gegangen waren, aber dabei auf ihre Handys starrten, ohne den Blick vom Display zu heben. Das Gluckern wurde heftiger, weitete sich zu einem Krampf aus. Manfred lockerte seinen Schlips und keuchte, dann sackten ihm die Beine weg. Er wollte noch was rufen, doch glitt er einfach zur Seite weg, schlug mit dem Kopf gegen eine weiße Schreibtischplatte, dass es nur so krachte, und brachte nicht mehr als ein zischendes Krächzen heraus.
James sah sich um. Alle starrten ihn mit entsetzt fragenden Augen an. Wenn das was sie gerade gehört hatten wahr werden würde, dann waren sie so was von geliefert…

 

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Katrin Klemm

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