DIE KERNFORSCHER

Prolog: Immer auf den Punkt 26. Januar 2016

Manfred März steckte sein Smartphone in die Hosentasche. Er stemmte sich gegen die massige Eisentür und stand im Treppenhaus. Es roch süßlich. Da hatte wohl jemand gerade was geraucht. Aber das war jetzt unwichtig. Er lief auf die Steintreppe mit den großen, leicht porösen Stufen zu und sprintete nach oben – er nahm gleich zwei Stufen auf einmal, ohne sich am Metallgeländer hochziehen zu müssen. Eine respektable Leistung dafür, dass er jetzt schon über siebzehn Stunden auf den Beinen war, dachte er. Seine Schritte wurden von den quittengelben Kachelwänden reflektiert und hallten ihm laut voraus.

Die Tür zur zweiten Etage des Studios war nur angelehnt. Ein kleiner Holzklotz hielt sie einen Spalt weit offen, so dass kühle Luft aus dem Treppenhaus hineinströmen konnte. Für September war es ganz schön warm, selbst um kurz vor 23 Uhr am Abend. Manfred bog um die Ecke und lief den kleinen Gang entlang, der den großen Studioraum einfasste. Er wollte zur Technik. Durch die dünne Wand konnte er gedämpfte Stimmen hören. Murmelnd, tuschelnd und säuselig. Eine Gitarre spielte. Manfred schaute durch die riesige Glasscheibe gegenüber vom Technikraum und sah mindestens zwanzig Menschen, die das Studio füllten. Durch das leicht getönte Glas versuchte er Genaueres zu erkennen.

Der große Studioraum war in vier Zonen aufgeteilt: Die gemütliche Sitzecke – von allen nur die “Couchkuhle” genannt – mit ihrem plüschigen Sofa und zwei gemütlichen Sesseln. Den Breaking-News-Desk: ein Schreibtisch, an dem Nachrichten verlesen wurden; gesäumt von drei Monitoren, auf denen man eine Twitter-Wall, die Facebook-Seite und das Logo von PocketStreamingTV sehen konnte. Dann die “Blackbox”, ein Tisch mit vier Stühlen drumherum. Hier fanden vor schwarzem Hintergrund intensive Streitgespräche statt. Und zuletzt die Bühne. Eine kleine Nische mit grünem Teppich und diversem Live-Equipment für Auftritte aller Art. In der Mitte des Studios stand eine mächtige Kamera auf einem Stativ, die von Gaetana Esposito, einer kräftigen Italienerin bedient wurde.

“Ein einziges Chaos”, dachte Manfred. Im Moment quoll der Raum geradezu über. Doch es regte ihn nicht auf, beunruhigte ihn noch nicht mal. Im Gegenteil, er fand Gefallen daran. Außerordentlichen sogar. Auf der Couch saßen seine beiden Söhne, die Zwillinge Julian und Daniel, und waren angeregt in ein Gespräch mit einer jungen Frau vertieft: Kesha W. McClelland, eine Unternehmerin aus Schottland, kaum älter als die beiden. So viel hatte er die Twins im ganzen Jahr nicht reden und lachen sehen. Eigentlich war Keshas Interview schon lange durch, aber ihr schien es hier sichtlich zu gefallen. Daneben saßen die anderen Gesprächspartner vom Mittag, Tim Schumacher, der diese neuartige Suchmaschine Triggery entwickelt hatte und Dr. Torril Laray, eine Medienberaterin, die vorhin noch ein langes Vier-Augen-Gespräch mit Rudy, dem Haus-Nerd, in der Blackbox aufgezeichnet hatte. Sie schaute sich das Treiben an, nuckelte Schweppes aus einem Strohhalm und schien bester Laune. Sie wurden von Mads M. Kristensen gefilmt, einem Lulatsch von Mann, der die zweite, die Handkamera bediente.

Auf der Bühne wurde akustische Gitarre gespielt. Andächtig lauschte eine kleine Gruppe den warmen Folksong-Klängen, die dem ganzen Szenario eine entspannte Atmosphäre gaben. Weiter hinten, am Newsdesk, saß Ginger, Manfreds Frau. Er konnte nicht hören was sie sagte, doch bewegte sich ihr Mund pausenlos und sie hatte diese geröteten Wangen, wie immer, wenn sie aufgeregt war. Gaetana Esposito hielt die Kamera drauf. Hinter ihr lief gerade ein Video auf dem Monitor. Es hatte ganz offensichtlich etwas mit den Social Media-Kanälen von PocketStreamingTV zu tun. Auf den kleineren Monitoren sah man einzelne Kommentare, vergrößert eingeblendet, die sie offenbar vorlas.

23:15 Uhr

Manfred überlegte kurz, ob er noch warten sollte, bis Ginger zu ihm herübersah, um ihr zuzuwinken oder den hochgereckten Daumen zu zeigen. Doch dann holte ihn die Realität wieder ein: Rudy! Manfred war um 23:15 Uhr in der Technik mit ihm verabredet und es war bereits neun nach. Er drehte sich um und sah Rudy, der ihn aus dem Technikraum beobachtete und dabei nicht wirklich glücklich aussah. Manfred atmete dreimal durch und dachte dann kurz an drei schöne Dinge: „Feierabend. Dusche. Bett“. Das hatte er sich angewöhnt und es half tatsächlich. Trotz der Turbulenzen der letzten Wochen, der harten Vorbereitungszeit, den vielen Problemen, die sich häuften und diesem wieder mal absolut irre verlaufenden, alles entscheidenden Tag heute, war er zumeist ruhig geblieben. Irgendwie hatten die Wochen im Krankenhaus und die letzten Monate alles verändert – nachhaltig.

Manfred nickte Rudy zu und bedeutete ihm mit ausgestreckter Hand, noch einen Moment zu warten. Dann angelte er das Smartphone aus der Hosentasche hervor.

Rudy schaute auf die Monitore der Bildregie. Neben der Hauptkamera und der zweiten, kleinen von Mads, die jetzt Ginger März zeigte, hatten noch vier andere Studiobesucher Smartphones online und übertrugen ihr Bild an die Technik. Eben kam ein fünftes dazu. Rudy setzt sich seine riesigen Funkkopfhörer auf und drehte den Kanal mit der Gitarrenmusik hoch. Er kontrollierte kurz den offiziellen Sound. Es hörte sich an wie das Gespräch der beiden Söhne von Manfred, doch gab es kein Bild dazu. Es ging wohl um irgendeine Website mit Weihnachtsgeschenken für Nerds. “Muss ich mir mal ansehen”, murmelte er und biss in einen gewaltigen Schokoeisriegel mit Vanillefüllung. Dann sah er durch die Tür nach draußen, vorbei am Redaktionsleiter Manfred und durch die Fensterfront ins Studio.
Rudy versuchte Lesli Mingfei Schneider auszumachen. Doch sie war wohl nicht im Studio. Vielleicht steckte sie unten am Empfang, saß wieder mit der kleinen Engländerin zusammen. “Wie hieß sie noch mal?” Ach ja, Jennifer Reed. Rudy musste gähnen. Was hätte er jetzt für eine Runde Schlaf gegeben.

Er sah zu Manfred hinüber, der ihn blicklos anstarrte. Er hielt sein Handy ans Ohr, als wäre es ein heißes Stück Kohle und lauschte mit hochgezogenen Brauen. Rudy winkte ihm zu. Keine Reaktion. Doch dann erhellte ein breites, fast sattes Grinsen sein Gesicht und verlieh ihm was Schelmisches. Überhaupt, der Mann hatte sich ganz schön verändert, stellte Rudy fest. Das war ihm die letzten fünf Monate nicht so aufgefallen. Wie klapprig hatte er doch ausgesehen, als er aus dem Krankenhaus zurückkam. Die Sache mit dem Magengeschwür musste ihn fast plattgemacht haben. Doch jetzt sah er aus, als käme er gerade aus dem Urlaub – von ein paar kleinen Augenringen mal abgesehen. Und auch klamottentechnisch hatte sich einiges getan. Früher hatte März ausgesehen wie eines dieser Anzugmodells aus den Best-Ager-Katalogen. Jetzt sah er aus wie…, Rudy suchte gedanklich nach einem Vergleich, ja… bondig! Fast wie Sean Connery. Na ja, fast. Aber zumindest um Längen cooler, mit den kurzen Haaren, dem Bartschatten und der neuen Brille.

Rudy öffnete die Tür und wollte ihn gerade ansprechen, als Manfred ihm ein Signal gab, ihm zu folgen. Er betrat den Technikraum, während er einige Male zustimmend ins Handy brummte, griff sich einen Notizblock vom Pult, zückte mit der freien Hand einen Stift und notierte nun ein paar Zeilen auf drei Seiten. Er riss die erste ab und gab sie Rudy. Rudy überflog die Botschaft und nickte.

Dann machte Manfred kehrt, lief ohne weitere Vorwarnung wieder zur Tür hinaus, den Gang zurück zum Treppenhaus, und stürmte die Treppen hinunter. Rudy hinterher, so schnell es ging. In der Hand noch den halb abgebissenen Riegel, auf den Ohren den Kopfhörer. Als sie im Erdgeschoss ankamen, keuchte er bereits leise. Doch Manfred machte nicht Halt. Er lief durch den Empfangsraum, der dem Team auch als Chill-Out-Zone diente. Am Tisch saßen Mingfei und Jennifer Reed. Vor ihnen eine Menschentraube, die bis nach draußen reichte. Mingfei lächelte ihnen zu. Doch weiter ging´s. Rudy wurde etwas schummerig. Immerhin hatte er den härtesten Tag seines Lebens hinter sich. Seine freie Hand fuhr tastend in die Hosentasche. Zum Glück hatte er sich vorsorglich noch ein paar Fruchtdrops eingesteckt.

Die untere Etage war fast genauso geschnitten wie das Studio oben. Nur der Hauptraum war etwas kleiner und umgeben von mehreren, kleinen Büros. Alle verbunden durch einen Gang der sich um den großen Raum in der Mitte wand. An manchen Stellen des Ganges leuchteten rote Lampen. Sie signalisierten, dass aus dem Studio oben gesendet wurde. Eigentlich unnütz, aber es würde das Ganze noch irgendwie ‚vergeilern‘, hatte ein Praktikant bewundernd festgestellt. Manfred lief in den großen Hauptraum. Hier waren Social Media, Grafik und Kreation untergebracht. Die Leitung hatte Franka Kruse. Sie saß gerade an ihrem Rechner und skpyte. Als sie Manfred erblickte, unterbrach sie den Chat sofort und wandte sich ihm zu.

Manfred reichte ihr den zweiten Zettel vom Block. Sein Smartphone streckte er dabei mit einer Hand in die Luft, als gelte es einen Selfie-Stick zu ersetzen. Franka verstand. Der Plan lief an…
Manfred schaltete den Lautsprecher an seinem Handy ein. Rudy, der eben herangeschnauft kam, konnte die Stimme nicht genau verstehen, doch Frankas Gesichtsausdruck zeigte, dass es nun ernst wurde. Wie eine Truppe Superhelden – entschlossen ihre Welt zu retten – stürmten Manfred und Franka nun weiter zum Büro von James Bridge, dem Leiter der Produktion. Rudy folgte ihnen jabsend. James Tür stand weit offen. Er war ganz offensichtlich ebenfalls damit beschäftigt, zu telefonieren. Und das Gespräch schien alles andere als erfreulich, denn als er sie hereinkommen sah, rollte er fürchterlich mit den Augen. Manfred legte seinen Zeigefinger an die Lippen und reichte ihm das dritte Blatt vom Block. James genügte ein Blick auf den Zettel, um ohne ein weiteres Wort aufzulegen.

Die Vier hörten das Geschrei aus Manfreds Handy schallen. Doch sie waren zu krisenerprobt, um durch diese weitere Katastrophe in Panik zu geraten. Und Manfreds Plan schien einfach zu gut zu sein, um in ihnen nicht die süße Siegesgewissheit zu festigen. Ohne eine weitere Erklärungen bedeutete ihnen Manfred durch ein Kopfnicken an, ihm zu folgen – möglichst geräuschlos. Er preschte durch den Gang, bereit alles in eine Waagschale zu werfen, um sein Team diesmal vor allem zu beschützen. Er stürmte durch den Panic Room, jenen kleinen, schalldichten Raum, den sie für Krisengespräche vorgesehen hatten – er war leer – und schnurstracks weiter den Gang entlang, an seinem Büro vorbei, dem Archiv, den WCs, der Küche, bis er entgegen dem Uhrzeigersinn einmal den gesamten Rundgang abgeschritten hatte und wieder am Empfang ankam. Als Franka, James und Rudy endlich nachkamen, war Manfred schon wieder im Treppenhaus verschwunden. Rudy schaffte es gerade noch, Mingfei mitzuziehen. Jennifer Reed bat die Menschengruppe vor dem Empfangstresen kurz zu warten und flitzte ebenfalls hinterher.

Manfred und seine Entourage betraten den vollgestopften Technikraum. Manfred hatte das Smartphone noch immer laut gestellt. Hin und wieder gab er ein Grummeln und Brummen von sich, das verständnisvoll und zustimmend klingen sollte. Dabei zwinkerte er den anderen zu. Ansonsten sagte er nichts. Denn was er jetzt tun wollte, forderte seine gesamte Konzentration: In einem kurzen, schnellen Austausch von Blicken und mit minimalen Gesten signalisierte er Rudys, was zu tun war. Franka und James begriffen erst langsam so ganz, was Manfred vorhatte. Mingfei und Jenny standen an der Türschwelle. Mingfei sah die ganze Zeit zu Rudy, so als wolle sie seine Gedanken lesen.

Rudy stopfte sich so hastig den Rest des Eisriegels in den Mund, dass ein paar cremige Tropfen der weißen Füllung auf sein Yoda-T-Shirt tropften. Mit verschmierten, aber flinken Fingern drehte er ein paar Knöpfe, tippte abwechselnd auf zwei Tastaturen, betätigte einige Regler und horchte in seinen Kopfhörer. Endlich war Rudy soweit. Er sah Manfred fragend an, der nickte zustimmend: Manfred war nun bereit. Er streckte seine freie Hand aus und ließ sie über einem großen, roten Schalter verharren. Noch einmal atmete er drei Mal tief ein und dachte an drei schöne Dinge: “Ginger. Rudern. Benny Goodman”. Dann drückte er den Knopf, der sogleich rot aufleuchtete.

Ein ohrenbetäubendes Knacken hallte durch die Räume, dann eine Rückkopplung, die in beiden Etagen zu hören war. Alle pressten sich die Hände auf die Ohren… Manche schrien schrill vor Schreck. Es flackerte kurz auf allen Monitoren. Einen Augenblick später war es still. Manfred war schon weiter. Er schritt den Gang entlang, zum Haupteingang des Studios, ein seliges Lächeln im Gesicht, als er eintrat.

Im Studioraum war es mucksmäuschenstill. Man konnte noch den letzten Ton der Gitarre hören, der langsam verklang.

Keiner sagte ein Wort, nicht mal die Zwillinge. Alle starrten Manfred an. Der nickte, hob genüsslich sein Smartphone, streckte es weit über den Kopf und deutete erwartungsvoll grinsend mit dem Zeigefinger darauf.

 

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Katrin Klemm

Prolog: Immer auf den Punkt Januar 26, 2016

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