DIE KERNFORSCHER

Portrait: Kevin Schmidt Kapitel 8: Kopf oder Zahl? 16. August 2016

Kevin drehte den Sound noch etwas lauter: “Land Of Confusion”, aber nicht von Genesis – das war doch was für Weicheier – sondern die harte Version von Disturbed. Sein Kopfhörer dröhnte. Je härter, desto besser. Laut sang er seine Lieblingsstelle leicht abgewandelt auf Deutsch mit:

Zu viele Honks, zu viele Deppen,
Machen zu viele Probleme,
Und nicht viel Grips um mich rum.
Könnt ihr versteh´n,
Das ist ein Land voller Trottel!

Er saß an seinem Schreibtisch. Vorher hatte er die Tür zu seinem Büro noch einmal kontrolliert. Ja, sie war geschlossen. Jetzt schaute er auf den riesigen Bildschirm und sah sich das Disturbed-Video bei YouTube an. Das konnte er immer wieder sehen. Überhaupt beruhigte ihn aggressive Musik irgendwie. Er konnte gar nicht mal sagen, woran das lag. Das war schon immer so gewesen.

Nachdem er den Song gefühlte zehn Mal gehört hatte, drehte er den Lautstärkeregler wieder runter, setzte den Kopfhörer ab und öffnete das Live-Bild von PocketStreamingTV. Er bemerkte, dass seine Halsschlagader pochte: “Ich kann Euch Hackfressen nicht mehr sehen”, giftete er den Flatscreen an. Wenn er den Dicken mit den roten Haaren sah, wurde ihm ganz übel. Das Einzige, was den vielleicht noch ein wenig sympathisch machte – wenn überhaupt – war sein Yoda-T-Shirt. Aber ansonsten sah er aus wie ein Orang Utan in Menschenklamotten. Sogar die Sitzhaltung stimmte. Gerade eben wurde der Name eingeblendet: “Rudy Huber”. Was für ein bescheuerter Name.

Neben dem Dicken saß eine Bohnenstange in grellbunter Kleidung, mit einer Art Afro-Look. Ihre blonden Haare sahen aus wie ein großer Helm. Lächerlich. Irgendwoher kannte er sie. Neben ihr hockte ein Hund und ließ sich von ihr kraulen. Rudy und das dürre Elend saßen auf Holzstühlen, an einem einfachen Tisch mit heller Holzplatte. Jeder von ihnen hatte ein Getränk vor der Nase. Sie Malzbier und er eine Fritz Kola. Der Hintergrund war nichts weiter als tiefes Schwarz, vor dem sich ihre Gesichter konturenscharf abzeichneten. Zwischendurch wurden immer wieder die anderen Gäste gezeigt. Es hatte den Anschein, als wäre das Ganze mehr Party als Fernsehen. Kevin drehte nun doch die Lautsprecher weiter auf. In diesem Moment wurde der Name des Wuschelkopfs eingeblendet: Kesha W. McClelland // Gründerinvon 2Splittly. Kevin surfte gleich auf die Webseite. “Dass die sich für so was hergibt…”, dachte er.

“Und, lohnt es sich denn überhaupt noch ein Magazin zu machen – ich meine aus richtigem Papier?”, fragte der Dicke und grinste dämlich.
“Aber klar. Wir machen zwar den Großen keine Konkurrenz, aber wir haben eine feste Leserschaft. Die sind wirklich treu”, erwiderte der Wuschelkopf.
“Und was machst Du anders, als die anderen Gründer-Magazine und vielen Gadget-Seiten im Netz?” wollte der Orang Utan wissen.
“Ich weiß gar nicht so genau. Wahrscheinlich kommt gut an, dass wir keine PR machen. Wir schreiben auch, wenn wir eine Idee richtig mies finden. Natürlich beleidigen wir niemanden, aber wir stellen sie schon infrage”, erklärte Kesha. “Und wir sind übrigens Vier im Team!”, stellte sie auch noch klar.
Kevin machte ein verächtliches Geräusch, grinste und nickte mit dem Kopf: “Pah, ihr habt vielleicht zehn Leser und das sind auch noch alles Freunde. Oder Mami und Papi…”
“Hast Du denn mal ein Beispiel?” “Du meinst für eine richtig coole Idee oder eine echt miese?” “Na, hm, das Zweite.”
“Ja, erzähl mal. Das würde mich auch interessieren…” flüsterte Kevin, obwohl ihn niemand hören konnte.

“Du musst wissen, Rudy, wir haben nicht nur die Print-Ausgabe, sondern produzieren unsere Sachen crossmedial – also gleich auch noch als Video und Podcast zum Anhören. Eine Geschichte, die lief bei uns ganz besonders gut”, holte sie aus. “Wir hatten mal einen Beitrag mit einer Beratungsagentur, die sich auf Sneakers spezialisiert hatte…”, beschrieb der Wuschel. “Turnschuhe?”, fragte der Dicke.
“Logisch Turnschuhe, Du Schwachkopf”, schimpfte Kevin.
“Ja, Du kannst zu denen hingehen und sagen: Ich will jetzt mal richtig viel Schotter in Sneakers investieren”, erklärte Kesha. “Und dann helfen die Dir?” “Ja, dann helfen die Dir! Sie sagen Dir, welche Treter zurzeit heiß gehandelt werden. Welche Editions demnächst rauskommen und wie viel Profit Du damit machen kannst”
“Cool”, rief Kevin.
“Peinlich”, sagte Rudy. “Ja, voll peinlich. Und wenn man mal bedenkt, wie viele tausend Schuhe irgendwo in den Regalen irgendwelcher Idioten stehen und nie getragen werden…” ätzte die doofe Plunze herum. Dennoch hing Kevin an ihren Lippen. Doch dann erinnerte er sich an seine Mission.

18:16 Uhr

Seit gut einer Viertelstunde lief “Point and Click” eine News-Sendung auf Mingri Network News. Kevin schaltete dorthin um. Heute hatte Lea Marie die Moderation. Gesendet wurde aus einem alten Loft, einige Kilometer entfernt. Kevin hatte schon mal versucht, Lea anzugraben. Aber die hatte nur rumgezickt. Dabei war er doch irgendwie indirekt ihr Chef… Kevin sah einen Moment zu:
“Hallo Leute. Und jetzt wieder die ten peinlichsten Celebrity-Fails der Woche. Ich kann euch verraten, dass haut euch um. Also…”, hörte er ihre fiselige Stimme und drehte den Hörer gleich wieder leise. Er verkleinerte das Browser-Fenster mit dem Live-Stream und stellte ihn neben den von Pocket. Zuerst verglich er die Anzahl der Zuschauer im Stream:

MNN = 9.789
Pocket = 41.588
Der Punkt ging an Pocket.
Dann schaute er auf die Chat-Teilnehmerzahl:
MNN = 113
Pocket = 76

Also ein leichter Vorsprung für MNN.

Nach und nach verglich er dann die anderen Kanäle: Facebook, Twitter, YouTube und sogar Pinterest. Am Ende stand es 5:1 für Pocket. “Mist verdammter”, ärgerte sich Kevin. Das Telefon klingelte. Er zögerte kurz, dann nahm er ab:

“Míngrì Network News, hier Schmidt!”, rief er in den Hörer. Zunächst einmal konnte er nur Gekicher aus dem Hintergrund hören, dann meldete sich Lian: “Uh, das klingt aber richtig zackig. Hier Schmidt! Schmidt! Herrlich. Du hast Deinen Elan also noch nicht verloren? Gut so.” Wieder war Kichern zu hören. Kevin war sich sicher, dass ihn eine weibliche Stimme nachäffte: “Schmidt!”
“Was gibt´s?”, Kevin versuchte nicht zu genervt zu klingen, doch in ihm klang die Musik von Disturbed noch nach.
“Na, Schmidt, Du wolltest Dich doch um Pocket kümmern? Wir haben eben mal auf´s Handy geguckt. Die gehen ja richtig ab. Wie weit bist Du denn? Hat das Service-Team schon angefangen?” Lians Stimme klang trotz der ganzen Heiterkeit frostig. Kevins linkes Auge begann zu zucken. “Äh, ja, die sind schon voll im Thema. Und ich habe noch eine Idee, ich…” “Ja, Kevin, erzähl – aber mach kurz. Wir wollen hier noch etwas feiern!” Erneutes Gekicher. “Ich will gleich, äh, bei Lea Marie anrufen und ihr sagen, dass sie mal Pocket ein bisschen aufs Korn nehmen soll!”, Kevin hoffte auf irgendeine Art von Zuspruch.
“Lea Marie, ist die nicht gerade mit Point auf Sendung?” “Ja, gerade deshalb!” “Hm”, machte Lian. Und auch das wiederholten Kevins Assistentinnen. “Vielleicht eine gute Idee. Vielleicht. Hm. Okay, probier es aus”. Ohne Verabschiedung legte er auf. “Du elende Arschklette!” schrie Kevin. Dann sammelte er sich, rief im MNN-Studio an und tippte auf die Mithörtaste.

“Kuhls, Hallo?” hörte er eine bassige Stimme. “Hallo Rainer, ich bin´s, Kevin Schmidt. Kannst Du bitte mein Telefon auf Lea Maries Ohr legen?” Rainer Kuhl fragte lieber noch mal nach: “Du willst mit ihr sprechen? Jetzt?” “Ja genau, aber schnell”, kläffte Kevin und stellte das Telefon auf laut. “Die ist gerade auf Sendung!” “Rainer, welchen Teil meiner Ansage hast gerade nicht verstanden? Muss ich mich wiederholen?”, keifte Kevin und schlug zweimal so heftig auf den Tisch, dass es nicht nur für Rainer gut hörbar sein musste, sondern auch fast beide Lautsprecher umgefallen wären. “Ist ja gut, Augenblick Herr Schmidt”. Es knackte kurz in der Leitung und dann hörte Kevin Leas Stimme: “Und die Nummer zwei wird dich echt zu Tränen rühren…” “Lea”, flüsterte er in den Hörer. Doch sie sprach weiter.
“Ich weiß, dass Du jetzt nicht antworten kannst, deswegen hör mir jetzt erst mal zu. Hier ist Kevin. Kevin Schmidt”, leitete er ein. “Also, es geht um Folgendes, äh, wir haben ja Ärger mit diesem neuen Hamburger Sender, PocketStreamingTV… Na ja, und da dachte Lian Li – Du weißt doch: Míngrì Europe – dass, wir die etwas in die Schranken weisen sollten. Er bat mich darum, Dich zu fragen, ob Du nicht…” Lea hüstelte. Kevin hörte, dass ein Einspieler lief und hoffte, dass sie nun reden konnte: “Lea, hörst Du mich?” “Kevin?”
“Ja, ich bin´s!” “Ich mache grade eine Sendung. Ich kann nicht telefonieren. Und was redest Du da?” Sie hüstelte noch einmal. “Ich kann doch nicht einfach diesen Sender da, diesen…” “PocketStreamingTV!” “Ja, meinetwegen… diesen Pocket Dingsda durch den Kakao ziehen. Wie sieht denn das aus?”
Kevin wurde ungeduldig. “Du musst. Es reicht ja, wenn Du nur ein paar Sätze fallen lässt…”, versuchte Kevin die Strategie einzukreisen. “Du, können wir das nachher besprechen? Ich habe nur noch knapp 30 Sekunden…”, wollte ihn Lea abwimmeln. Da platzte Kevin der Kragen:

“Verstehst Du denn nicht? Wie dumm kann man sein? Das ist keine Bitte!”, schrie er schrill: “Diese Pockets sind der letzte Dreck. Begreifst Du das? Und sie sind Konkurrenz! Wenn Du nicht machst was Lian will, dann sind Deine Tage bei Míngrì gezählt!” “Aber ich weiß doch nicht wie”, kam es kleinlaut zurück. “Ist mir egal, wie Du es machst. Hauptsache Du sagst, dass die vollkommen peinlich sind und dort nur schwachsinnige Nichtskönner und Quatschköpfe arbeiten…”, brüllte er. Doch Lea sträubte sich noch immer: “Aber ich kann doch nicht… Ich kenne die doch gar nicht”. Sie klang wirklich kläglich.
“Meinetwegen”, lenkte Kevin ein: “Du kannst es ja feiner verpacken. Das ist ja sowieso deine Masche. Hauptsache Pocket steht am Ende dumm da. Ich…”, Kevin hörte ein Räuspern und fuhr herum. Im Eingang saß Marcel Kimme, in seinem Rollstuhl und starrte ihn an, als sei er Dr. Bruce Banner, der sich gerade in Hulk verwandelte.

18:27 Uhr

Kevin legte blitzartig auf. “Äh, hallo Kimme. Ich habe gar nicht gehört dass du… jetzt schon…? Du wolltest doch…”, stammelte er. “Tja Kevin, nun bin ich doch schon früher gekommen. Ja, so was aber auch”. Sein Freund hatte den Rollstuhl noch keinen Zentimeter vorwärts bewegt. Entsetzt starrte Kevin auf die weit offene Bürotür. “Komm doch rein… Soll ich…? Äh, kann ich dir…”, wollte Kevin beschleunigen. Doch Marcel Kimme, der seine Gedanken ganz sicher kannte, blieb einfach in der Tür stehen und bewegte sich keinen Zentimeter. “Ich bin hier noch am Arbeiten. Ich mache gerade…”, Kevin rang nach Worten, aber das war unnötig. Nicht umsonst kannten sie sich seit über zwanzig Jahren. Marcel konnte in ihm lesen wie in einem Buch.
“Was war denn das?”, ging er ohne Umweg auf die Situation ein, deren Zeuge er geworden war. “Das? Äh, das war ein Telefonat”. Kevin ging eilig auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und schaute an ihm vorbei nach draußen, um zu sehen, ob irgendjemand im Flur herumlungerte. “Wieso?” Endlich bewegte sich Marcel weiter in den Büroraum hinein. Sein elektrisch betriebener Rollstuhl summte leise. Er hatte eine große Tasche hinten am Sitz festgeschnallt. Sein kugelrundes Gesicht steckte unter einer braunen Schirmmütze, auf der “Weltpokalsiegerbesieger” stand. Sein braunes T-Shirt zierte ein mächtiger Totenkopf. Marcel war überzeugter St. Pauli-Fan und es verging kein Tag, an dem er nicht irgendeine Vereinsdevotionalie des Clubs am Körper trug. “Aber das war voll strange, Kevin. Mit wem hast du denn da geredet?”, fragte er weiter. Kevin geriet immer mehr in Verteidigungsposition. Das Telefon klingelte, aber er ging nicht ran. “Musst du nicht?” “Ne, das kann warten!”

“Du hast das arme Mädchen ja richtig in die Mangel genommen. Ist das deine Aufgabe hier? Bekommst du dafür das ganze Geld, von dem du erzählt hast?” Kevin sah ihn an. Seine Gedanken galoppierten auf der Suche nach einer Erklärung, die halbwegs passabel klang. Sein Freund war unerbittlich, das kannte er schon. Er hatte ihn mal im Rausch “Mein gutes Gewissen” genannt und da war was dran. Denn die ganzen Jahre über hatte ihm Marcel als treuer Berater in den kleinen und großen Fragen des Lebens zur Seite gestanden. Er hatte ihn um Rat gefragt, wenn es um Mädchen ging, angerufen bei wichtigen beruflichen Entscheidungen. Marcel hatte ihn sogar mal ein paar Wochen bei sich wohnen lassen, als er Hals über Kopf von Zuhause ausgezogen war. Doch die Zeiten hatten sich nun mal geändert. Kevin hatte sich verändert. Er hatte neue Menschen kennengelernt, war neue Wege gegangen. Das war doch normal. Dazu kam, dass Marcel ihn immer an jene Nacht erinnerte. Diese eine Nacht in der…

“Träum´ nicht. Ich habe dich was gefragt”, Marcel sah ihn noch immer an – aus seinen stets müden und von Augenringen eingefassten blauen Augen: “Kevin!” “Ja Mensch… was willst du denn hören Mann? Ich habe dich ja nicht gebeten zu kommen”, schnauzte er ihn an. Doch im selben Moment tat es ihm Leid. “Nicht Marcel, alle, aber nicht Marcel…”, dachte er. “Klar hast du mich nicht gebeten, aber wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zum Berg kommen…”, versuchte er Kevin aufzuheitern. Doch es sah aus, als sei er den Tränen nahe.
“Was soll ich denn tun? Wenn ich nicht mitmache, dann bin ich raus. Dann rasieren die mich!”, versuchte Kevin stammelnd seine Situation zu erklären. “Wer die?”, fragte Marcel. “Na DIE eben. Die Chefs in London… Das Unternehmen ist verkauft und jetzt werden sie bestimmt einen großen Teil der Belegschaft feuern”. Kevin sah ihn an und hoffte, dass Marcel einlenken würde. Doch er wusste bereits, dass der dafür viel zu stur war. So, wie ein guter Freund zu sein hat.

“Das heißt, du musst so was machen? Junge Mädchen einschüchtern und sie anstiften, schlecht über andere Leute zu reden?”, fuhr Marcel fort. “Ist der Preis nicht etwas zu hoch? Ich weiß, dass du dir ein tolles Leben wünscht. Den Luxus. Berlin. Dieses Büro hier und das ganze Geld. Aber denk doch mal nach Mensch! Du hast doch viel mehr drauf. Kevin!” “Was denn?”, jetzt zitterte Kevins Kinn.

“Ich glaube an dich. Ich komme doch nicht zum Spaß hier her. Ich habe gemerkt, dass was nicht stimmt. Du hast dich gar nicht mehr gemeldet…” “Aber es ging nicht! Ich musste…” “Ja was, Kevin? Was musstest du?”

Kevin schluckte. Die Wut stieg wieder in ihm hoch: “Du hast gut reden, Kimme. Du sitzt da in deinem Rollstuhl und musst nichts machen. Du brauchst keinen Job. Du kannst tun was du willst und hast trotzdem genügend Geld zum Leben und kannst dich ganz um deine sozialen Projekte kümmern – oder was du da immer machst. Deine Eltern…” Marcel schoss das Blut ins Gesicht: “Wie bitte? Was ist denn DAS bitteschön für ein Leben? Meinst du vielleicht, ich WILL hier sitzen? Kevin?”, sagte er beunruhigend ruhig. “Nein, ich könnte mir was Besseres vorstellen. Du bist es, der gut reden hat! Du hast doch alles was du willst. Du hast Dein Leben. Bist unabhängig, kannst dir aussuchen was du tust – du kannst laufen, Kevin. Laufen!” “Aber Kimme, ich…”

“Gut. Klären wir das ein für alle Mal: Du bist nicht ganz unschuldig, oder Kevin? Wer hat denn damals dieses beschissene Rennen fahren wollen? Wer saß denn am Steuer? Und WER ist denn gegen den Baum gebrettert? Und WER, KEVIN, sitzt jetzt deshalb den Rest seines Lebens im Rollstuhl? Wer Kevin?”
“Aber Kimme. Ich weiß nicht,… ich wollte nicht, ich habe doch nicht gewusst…” Kevin zitterte am ganzen Körper. Tränen schossen ihm in die Augen, so dass er nicht mehr richtig durch die Brille gucken konnte.
“Wie konnte ich nur so dumm sein und hierher kommen? Du bist ein richtiger Arsch geworden, Kevin”. Kevin hörte, wie Marcel seinen Rollstuhl in Bewegung setzte. “Kimme! Nein! Bitte bleib doch”. “Nö, vergiss es”, kam es knapp.

“Ja, Kimme das ist voll cool”, äffte er Kevin nun nach, während er auf die Tür zufuhr: “Illegale Autorennen – wie im Kino, Kimme. Das müssen wir unbedingt machen, Kimme. Willst Du fahren oder ich? Kopf oder Zahl? Kopf oder Zahl? KOPF ODER ZAHL, KIMME”, Kimme wurde nun doch immer lauter. “Einen Scheiß weißt du, Kevin. Das sage ich dir. Ich haue jetzt ab. Du kannst dich ja entscheiden…”. Sein Rollstuhl blieb noch einmal stehen und er stellte die entscheidende Frage: “Kommst du mit, oder machst du weiter?”
“Aber versteh doch, Kimme, ich kann nicht. Das hier…”, er schluchzte: “…das ist alles was ich hab!”
“Da täuscht du dich – aber so was von gewaltig”, hörte Kevin ihn noch. Dann war er im Flur verschwunden.

18:46 Uhr

Kevin lief ihm nicht nach. Er schloss die Tür, ging zu seinem Schreibtisch, ließ sich auf den Bürostuhl fallen und schluchzte so heftig, wie zuletzt an jenem Tag vor ziemlich genau zwölf Jahren, als er neben dem Operationssaal gewartet und tausend Ängste um seinen besten Freund ausgestanden hatte…

 

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Portrait: Kevin Schmidt

Kapitel 8: Kopf oder Zahl?

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Katrin Klemm

Portrait: Kevin Schmidt

Kapitel 8: Kopf oder Zahl? August 16, 2016

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