DIE KERNFORSCHER

Portrait: Manfred März Kapitel 7: Gute Miene zu bösem Spiel 10. Februar 2015

Seitdem Manfred März vorhin ein Brötchen mit Mett gegessen hatte, war zu seinem nervösen Magen noch ein unangenehmes Sodbrennen hinzugekommen. Es kratzte in seinem Hals. Außerdem fühlte es sich beim Atmen seltsam an, so als wenn nur die Hälfte der benötigten Menge Sauerstoff in seine Lungen finden würde. Seine Frau Ginger lag ihm schon seit einem Monat in den Ohren, dass er endlich ihren Hausarzt, Dr. Struve aufsuchen und sich mal komplett durchchecken lassen solle: “Männer in Deinem Alter müssen aufpassen”, hatte sie gesagt und er wusste, dass sie es ja eigentlich gut mit ihm meinte. Doch sehr glücklich war diese Formulierung nicht gewählt, traf sie doch genau seinen Schmerzpunkt. “Ach, nun übertreib´ mal nicht, Ginger…”, hatte Manfred ihre Sorge abgetan und sie an sich gedrückt, wie er es immer tat, wenn er von einem unangenehmen Gespräch ablenken wollte. “Sobald ich dazu komme, kann ja Struve mal drübergucken”, doch passiert war natürlich nichts.

Manfred saß an seinem Schreibtisch, vor sich das Rede-Script von James und versuchte sich auf seinen Text zu konzentrieren. Er schaute auf die Uhr. Genau 13:13 Uhr. Ob das ein Omen war? Demnächst würde Ginger kommen mit zwei “Sicherheitshemden” im Gepäck. Und sie würde die Zwillinge mitbringen, Julian und Daniel. Manfred war nicht sicher, ob ihm das gefiel und hoffte, dass sie seinen Tag nicht noch weiter verkomplizieren würden. Der Abend, seine Ansprache vor den Journalisten, eigentlich das Ganze hier machte ihm sehr zu schaffen und am liebsten hätte er sich abgesetzt. Sein Bildschirmschoner zeigte eine kleine tropische Insel, im türkisfarbenen Meer, darüber die golden strahlende Sonne. Alles glitzerte und funkelte und manchmal verlor sich Manfred darin, bis ihn das lästige Ding Dong des Büroprogramms oder einer der Kollegen aus seinen Träumen riss.

Manfred rieb sich die Hände. Sie waren kalt und etwas steif, obwohl der Raum eigentlich gut beheizt war. Trotzdem. Er fror und es war eine unangenehme Kälte, die unter die Haut ging.
Dieser Tag hätte gar nicht schlimmer laufen können. Erst das Gespräch mit James in der Garderobe, dann der Reinfall mit Santoni. Manfred schaute sich um. Der Platz von Franka war leer. Sie war vorhin mit ihrer Tochter aufgebrochen, ohne zu sagen wohin oder wann sie zurückkehren würde. Manfred, der es gewohnt war, über alle Schritte seiner Mitarbeiter bestens informiert zu sein, musste sich ins Gedächtnis rufen, dass dies nun nicht mehr “seine Truppe” war. Das war ein eigenartiges Gefühl. Er dachte nach… So wie die Dinge standen, würde er das Gespräch mit James suchen müssen und auch mit Franka. Die Janssens würde er wohl nie wieder sehen, genauso wie Ricardo. Ein richtiger Freund war der ja nie gewesen, aber andere hatte Manfred nun mal nicht.

13:18 Uhr

Manfred wollte gerade einen neuen Versuch wagen mit seinem Text warm zu werden – wenigstens mit dem -, als ihm zwei Hände von hinten die Augen zuhielten. Manfred erschrak. “Hallo mein Schatz. Da bin ich”, hauchte es in sein Ohr. “Ginger! Oh, gut dass Du da bist”, flunkerte er und gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange. “Ich habe Dein Lieblingshemd mitgebracht und das hellgraue von meiner Mutter”. Ginger kramte in einer überdimensionalen Tasche und förderte zwei eingeschweißte Hemden zutage. “Wo soll ich sie hinlegen?”, fragte sie ihn und versuchte seinen abschweifenden Blick einzufangen. “Äh, ach irgendwo. Hänge sie einfach über den Stuhl”, Manfred zeigte auf einen der Stühle, die noch vom Meeting dastanden.

“Ich habe auch etwas zu essen dabei…”, Ginger kramte nochmals, “ich weiß ja, dass Du nichts Anständiges isst den ganzen Tag über”. “Ja, danke”, Manfred sah sich um. Ihm war es etwas peinlich. “Wo sind die Twins?” fragte er. “Die sind noch in der Küche. Haben gesehen, dass Frau Bridge Sandwiches macht und versuchen was abzustauben”, berichtete Ginger und in ihren eben noch freudigen Blick mischte sich Unsicherheit. “Aber das ist die Verköstigung für heute Abend, für die Journalisten”, blaffte Manfred – denn in diesem Moment durchfuhr ihn wieder ein Schmerz und er wollte auf keinen Fall, dass sie das mitbekam. “Aber…”, versuchte Ginger zu erwidern, dann besann sie sich eines Besseren: “Du, Schatz, ich habe auch noch ein paar Krawatten dabei”, doch Manfred schien nicht mehr zuzuhören.

“Musst Du nicht heute im Laden arbeiten?”, bohrte er nach. “Nein, die Schmidt vertritt mich. Ist alles geregelt…” Ginger ließ die Krawatten sinken. Auch die neue, die sie ihrem Mann auf dem Weg noch besorgt hatte. “Was ist denn mit Dir los?” Manfred presste die Lippen aufeinander, während er mit starrem Blick zum Fenster hinausschaute, bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dann sammelte er sich und dreht sich zu Ginger hinüber: “Ach, mein Schatz, entschuldige. Heute ist kein guter Tag.” Er schaute sie an und hoffte, dass sie ihn ohne weitere Schilderungen des Vormittages verstand. Doch es sah aus, als würde sie mehr hören wollen… “Hi Dad”, “Hi Dad”, wurden sie gleich zwei Mal unterbrochen. Julian und Daniel hatten aus der Küche zu ihnen gefunden. Jeder einen großen Teller mit drei Sandwiches und einen Apfel, sowie einer Flasche Club Mate in der Hand.

“Ich habe Euch gesagt, dass Ihr nicht so viel von diesem Zeug trinken sollt. Da ist viel zu viel Koffein drin“. “Aber Mum, das ist doch nur Hackerbrause. Die trinkt Kevin immer. Ist lecker”, maulte Daniel zurück. Und Julian trank sicherheitshalber einen tiefen Schluck. Manfred dachte kurz daran, dass ein wenig Koffein den beiden Jungs schon nicht schaden würde, sagte aber nichts dazu. “Ihr könnt Euch auf das Sofa da hinten setzen. Habt Ihr Schularbeiten auf?” Manfred schaute streng zu ihnen hinüber. “Nö”, erwiderte Julian einsilbig und rülpste mit geschlossenem Mund. “Nö”, gab Daniel dazu und nahm nun auch einen Schluck. Ginger ahnte, dass das wahrscheinlich wieder in einem Rülps-Wettbewerb enden würde. “Benehmt Euch”, mahnte sie beide, doch sie waren schon außer Hörweite. In diesem Moment kam Walter Frese. Er sah aus, als hätte er eben mit einem Krokodil gerungen. “März, ich muss Sie sprechen!”

13:31 Uhr

“Frese. Sie sehen, dass ich gerade Besuch habe. Hat das nicht noch einen Moment Zeit?” Manfred war ungehalten, denn er wusste, dass es meist Ärger gab, wenn Walter Frese zu ihm kam. “Nein, hat es nicht. Das muss ich jetzt los werden”, schnaufte Walter und mit einem Blick zu Ginger März rang er sich ein knappes “Hallo” ab. Manfred versuchte den aufkommenden Orkan etwas zu beruhigen: “Frese, Ihr Hemd hängt aus der Hose. Außerdem ist da was mit Ihren Haaren”. “Ist mir egal…” schimpfte Walter, stopfte aber doch sein Hemd zurück in die Hose und strich sich das Haar glatt. “Ich muss Sie sprechen und zwar unter vier Augen!” Walters zusammengekniffene Augen zuckten. “Ich verstehe. Dann bis gleich mein Schatz. Wir reden dann später…”, Gingers vorwurfsvoller Blick ging ins Leere. In diesem Augenblick erklang ein schrilles Geräusch. Es hörte sich an wie eine Bohrmaschine, deren Bohrer auf Metall stieß. Eine Mischung aus Brummen und Kreischen, welche von unten zu kommen schien. Walter Frese musste lauter werden, damit März ihn verstand.

“März. Ich mach das nicht mehr mit. Das ist eine Frechheit! Das können sie nicht von mir erwarten…”, fauchte er Manfred März an, der Ginger hinterher schaute. “Wie bitte?”, rief er zurück. “Es ist eine Frechheit, sagte ich.” “Ich habe Sie verstanden, aber Sie müssen mir schon erklären, was Sie meinen”. “Was ich meine? Ich schmeiße hin! Ja, ich kündige und gehe. Jetzt auf der Stelle!” Walter Frese bekam diesen seltsamen Tunnelblick, den alle schon von den Momenten kannten, wenn sie mit einer frischen Rechnung zu ihm kamen. “Aber Herr Frese. Was ist denn geschehen?”, Manfred war jetzt ganz bei der Sache. Er stand auf, denn er hatte das Gefühl, dass er dieses Gespräch auf Augenhöhe führen musste.

“Was geschehen ist? Das kann ich Ihnen genau sagen…”, schnaubte Walter. “…ich bin nicht mehr bereit, diesen Saftladen hier zu finanzieren. So wie hier mit Geld umgegangen wird. Jeder macht was er will, und präsentiert mir dann seine Rechnung. Außerdem beschäftigen wir ein Heer von Stümpern und Ganoven, die schlechte Arbeit leisten und mir am Ende mit ihren überteuerten Preisen kommen. Ganoven, sage ich…”, Walters Kopf hatte die Farbe einer Tomate angenommen. Er war noch nicht fertig: “Nehmen wir zum Beispiel mal diese Fensterleute, diese FensterKings”. Die machen jetzt schon seit Stunden an den Fenstern herum und ich entdecke überall Streifen. Ich habe sie darauf angesprochen, aber das scheint die gar nicht zu interessieren”.

Walter Frese hob die Augenbrauen. Doch als von Manfred nichts kam, fuhr er fort: “Oder die Handwerker da unten. Die sitzen den lieben langen Tag auf ihren Hintern und kloppen Karten. Da wäre ich ja alleine schneller fertig. Und wissen Sie, was die haben wollen?”, er zog die Augenbrauen noch etwas höher: “7000 Euro, allein nur an Vorschüssen. 7000 Euro habe ich denen heute Morgen überwiesen. Und zum Dank haben die mich eben noch beschimpft. Gesagt, ich solle mich nicht in ihre Angelegenheiten einmischen. Dieses faule Pack!” Walter hob den Zeigefinger und ließ ihn wie einen Scheibenwischer hin und her fahren: “Ich bin raus! Ich mache Schluss. Ihr müsst einen anderen Dummen finden”. Erst jetzt begriff Manfred so richtig, wie dramatisch dieser Moment war: “Aber Frese, Walter… Sie können doch jetzt nicht aufhören. Nicht heute! Nicht an diesem Tag. Sie wussten doch vorher, was auf Sie zukommt und…”. Doch Walter Frese war nicht mehr zu bremsen: “März, Sie sind noch einer von den Guten hier. Von den Normalen. Aber ansonsten ist das ein Tollhaus! Von wegen Medienwelt. Kommen Sie mir bloß nicht mehr damit”.

Manfred entdeckte, dass Walter Frese die ganze Zeit einen Stapel Papier hinter dem Rücken gehalten hatte. “Das ist die Buchhaltung, März, soll sich doch ein anderer darum kümmern”, und mit einer theatralischen Geste warf er die Papiere so schwungvoll auf Manfreds Schreibtisch, dass ein guter Teil davon über die Tischkante zu Boden fiel. Manfred schaute zum Sofa hinüber und sah die Zwillinge, die genüsslich Sandwiches kauend das kleine Drama beobachteten, welches sich gerade abspielte und dabei feixend in die Seite stießen. Walter Frese machte kehrt und ging in Richtung Küche: “Mary, wir gehen!”, rief er, obwohl diese ihn aus dieser Entfernung gar nicht hören konnte. Fast hätte er Franka umgerempelt, die ihm mit genauso hohem Tempo entgegen kam.

13:39 Uhr

Manfred ging es gar nicht gut. Das war ein weiterer, ziemlich schmerzhafter Schlag, in die eh schon gebeutelte Magengrube gewesen. Ein Schlag, von dem er sich nicht so schnell erholen würde, denn nun war er es, der dem Rest des Teams irgendwie beibringen musste, dass soeben der Geldhahn abgedreht worden war. Er warf einen Blick in den Newsdesk. In einer Ecke stand Kevin Schmidt. Hatte er die Szene etwa gefilmt? James Bridge saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas in sein Notizbuch. Eine Gruppe von Praktikanten war dabei, die großen Monitore die oben von der Decke hingen anzuschließen. Aus der Küche hörte er das Lachen von Ginger und Mary.

“Herr März, kann ich Sie kurz sprechen?” Franka Kruse stand vor ihm und strahlte. Manfred musste mit sich ringen, entschloss sich aber dann sie als erste ins Vertrauen zu ziehen. “Frese ist raus…”, fiel er gleich mit der Tür ins Haus.” Ja, ich habe ihn eben noch gesehen”, die Kruse schien nicht zu verstehen. “Ganz raus meine ich. Er geht – und nimmt sein Geld mit. Wir sind zahlungsunfähig”, Manfred beobachtete Frankas Reaktion und wunderte sich darüber, dass sich an ihrem breiten Grinsen nichts änderte. “Ach, das hatte ich mir schon gedacht, dass es soweit kommen würde”. ”Sie nehmen das aber gelassen hin, Kruse…”, Manfred war erstaunt, Franka schien die einzige hier im Raum, die mit den Nerven noch nicht am Ende war.

“Ich muss Ihnen dringend etwas erzählen, Herr März. Ich…” Doch Manfreds Gedanken waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt. “Moment”, unterbrach er sie und griff zum Telefon. Einen kurzen Augenblick später machte es “DingDong” an James´ Arbeitsplatz. Es dauerte ein paar Sekunden, dann nahm er den Hörer ab: “Bitte?” “James, ich bin es, Manfred. Bitte kommen Sie kurz her. Ich muss Ihnen was erzählen.”

“So, Frau Kruse. Entschuldigen Sie. Was gibt´s?”, Manfred stöhnte demonstrativ, aber signalisierte Franka, dass er gewillt war, ihr kurz zuzuhören. Ohne ihr Grinsen zu unterbrechen, legte sie los: “Ich war eben unterwegs. Und ich, äh, habe nachgedacht. Ich denke es ist Zeit für ein paar Veränderungen…” “Was Sie nicht sagen…”, schnaubte Manfred. “Ja, Herr März. Es muss sich etwas ändern, für mich! Die Struktur im Team hat sich komplett geändert, seit dem Zuchtstier. Das ist gut, bringt aber auch einige Schwierigkeiten mit sich”. Wieder schnaubte Manfred. Jetzt wurde Franka lauter: “Das Gespräch vorhin mit den Janssens hat mir gezeigt, dass wir der ganzen Sache noch einen entscheidenden Dreh geben müssen. Unser Konzept ist viel zu starr, zu…”, Franka suchte nach Worten: “…zu ernst, zu technisch, zu… männlich…”. Franka wartete ab, doch außer einem: “So so, zu männlich also?” kam nichts von Manfred. “Ja, ich habe das vorhin an der Reaktion von Frau Janssen gesehen. Sie ist richtig aufgetaut, als unser Gespräch persönlicher und… persönlicher wurde. Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Kommunikation für YNN noch viel erfolgreicher wird, wenn wir ein paar Dinge überdenken. Und ich würde das sehr gern in die Hand nehmen. Ich glaube, YNN braucht noch eine weib.., äh.. Eine menschliche Note”

“Menschliche Note?”, Manfred verzog das Gesicht. Das war das letzte womit er gerechnet hatte: “Gut Frau Kruse, ich bin ja nicht mehr Ihr Chef. Dann versuchen Sie mal Ihr Glück. Alles was uns jetzt noch retten kann, kann uns ja nur willkommen sein…”

Manfred stand auf, drehte Franka den Rücken zu, um Walters Unterlagen aufzusammeln. “Hallo Manfred, hallo Franka. Was gibt´s?”, James Bridge stand am Schreibtisch und sein Blick wanderte zwischen Franka und Manfred hin und her. Manfred seufzte tief: “Frese ist raus. Kein Geld mehr. Das hat er uns dagelassen…” Manfred wies schlaff auf den Stapel loser Blätter die er über die gesamte Schreibtischplatte verteilt hatte. Karopapier, wie in der Schule, auf denen mit rotem Filzstift kreuz und quer Zahlen standen. Ein einziges rotes Chaos. Es gab noch nicht einmal Überschriften oder Bezeichnungen, die einem verrieten, um was für Zahlen es sich handelte. Von Quittungen und Rechnungen keine Spur. Manfred musste sich wieder setzen. Brandig stiegen die Worte seine Speiseröhre hinauf: “James, meinen Sie, Sie könnten Frank Schlechter mal anrufen? Ich habe den Eindruck, wir könnten seine Hilfe ganz gut gebrauchen…”.

James nahm mit spitzen Fingern eine Karoseite aus dem Zettelwust. In der Mitte war der fette, braune Abdruck einer Kaffeetasse zu sehen. “Holy Shit!” rief er aus. Manfreds und James Gesichter waren leichenblass. Beide schauten zu Franka hinüber, die sich den letzten Keks vom Meeting-Teller schnappte, ihn genüsslich in den Mund schob und dabei breit lächelte.

 

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Katrin Klemm

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