DIE KERNFORSCHER

Portrait: Kevin Schmidt Kapitel 5: Ja, aber… 11. Februar 2014

Kevin Schmidt war erst seit kurzem im Verlag. Er war kein stiller und unscheinbarer Vertreter seiner Gattung. Beim Telefonverkauf lief er richtig heiß und zu echter Höchstform auf. Dann konnte er die Leute „platt reden“, wie er es nannte. März hatte ihn als Allzweckwaffe von einem anderen Verlag abwerben lassen. Doch so richtig hatte sich die Maßnahme noch nicht gelohnt. Das wusste Kevin, aber das machte ihm nicht viel aus. Denn eigentlich hatte er ganz andere Pläne…

9:16 Uhr

Das Büro von Kevin war ganz am Ende des Ganges. Da, wo die Lampen die letzten Meter nicht mehr ganz ausleuchteten und sich das Geschehen im Schummerlicht verlor. Die reinste Tristesse.

Gleich am ersten Tag hatte Kevin einen großen gelben Smiley an seine Tür gehängt. Auf der einen Seite lächelte er, auf der anderen schaute er grimmig. Am Anfang hatte er ihn noch hin und wieder umgedreht. Doch da das niemandem aufgefallen war hatte er ihn in der Dauerlächelstellung belassen. Ein bisschen war er wie dieser Smiley: Auch er lief jeden Tag mit dem gleichen breiten Grinsen durch den Verlag, grinste bei den Gesprächen mit Kollegen, grinste beim Telefonieren, grinste auf den Selfies, die er mit seinem Smartphone schoss und zu Tumblr hochlud. Ihm war es selbst noch nicht aufgefallen, doch selbst wenn er die rote Tür seines Büros hinter sich geschlossen hatte, blieb dieses Grinsen noch eine ganze Weile in seinem Gesicht stehen, erstarrt – auch wenn es dort ziemlich verlassen und einsam wirkte.

Sein Büro war noch bis vor kurzem als Archiv genutzt und nur notdürftig renoviert worden. Das einzige Fenster gewährte ihm einen Blick auf die Wand des Nachbargebäudes und war so klein, dass auf der Fensterbank gerade mal eine mittelgroße Topfpflanze Platz fand. Doch die war schon nach einer Woche eingegangen. Toll. Wahrscheinlich aus Frust, dachte sich Kevin grimmig. In einer Ecke stand ein klobiger Metallschrank, abgesperrt und voller Akten. Zwei Regale dienten ihm als Ablage für seine Unterlagen. Doch was hieß hier: seine! Gleich am ersten Wochenende hatte er eine Extraschicht eingelegt, sich von seinem eigenen Geld ein Bataillon an Plastikaufstellern besorgt – natürlich in rot – und alle Papiere, die bis dahin von den Kollegen noch nicht abgeholt und woanders hin verfrachtet worden waren, sorgsam einsortiert.

Um für optische Abwechslung zu sorgen, hatte er am darauf folgenden Montag seine Lieblings-Marvel-Comic-Figuren mitgebracht und in den Regalen positioniert. In Siegerpose natürlich. Nun schauten sie ihn mit derselben Erwartungshaltung an wie seine Kollegen.

Kevin setzte sich an den Schreibtisch und fuhr den Rechner hoch. Während das Betriebssystem startete, nahm er seine schwere Hornbrille ab, rieb sich die Augen, bis er kleine Sternchen sah, holte dann ein Brillenputztuch hervor und reinigte gründlich die Gläser. Dann setzte er die Brille wieder auf, fuhr sich ein paar Mal durch die blonde Lockenmähne und seufzte.

Seine Hände froren, obwohl die Heizung voll aufgedreht war. Kevins Blick fiel auf das Foto in dem Bilderrahmen, den er zwischen die drei Bildschirme auf seinen Schreibtisch gequetscht hatte. Es zeigte Melanie, Wäschemodell und seine aktuelle Freundin, beim gemeinsamen Seychellen-Urlaub im knappen Bikini. Sie hatte mit Lippenstift ein „Kisses“ und „XXX, Mel“ darauf geschrieben.
Den PC, den ihm der Verlag hingestellt hatte, hatte Kevin gleich ausgemustert. Viel zu alt, viel zu langsam, viel zu uncool. Selbst mit Schreibprogrammen hatte der seine liebe Not. Jetzt stand dort ein niegelnagelneues Modell, auf dem er sogar mal ein Game zocken konnte (was er manchmal tat, wenn er an einem der späten Abende den Kopf freipusten musste). Er hatte sich das Gerät von seinem ersten Gehalt gekauft.

9:27 Uhr

Kevin Schmidt öffnete die obere Schublade des Rollschranks unter dem Schreibtisch und holte einen MP3-Player hervor. Jetzt brauchte er Musik. Und zwar laute Musik. Er wählte den Song „Pop up!“ von seiner Lieblings-Indie-Band „Devil Grey Asses“, setzte sich die Beats Headphones von Dr. Dre auf und stellte den Player so laut es ging. Dann tippte er auf „Song wiederholen“. Das half gegen den Stress. Die Asses schafften es stets, ihn von Hundert auf Null zu bringen. Ganz egal, was um ihn herum geschah. Egal, wie er sich fühlte. Egal, woran er denken musste. Leise summte er die wummernde Bassline mit…

Noch einige Stunden und er würde die Konfi rocken. Er ganz allein. Das war sein Plan und bisher sprach nichts dagegen. Er wusste, wenn Spocky Mister Bridge es nicht schaffen würde bei der Präsentation zu punkten, wenn er abloosen und den Chef im Regen stehen lassen würde… Wenn alle dasäßen und sich vor Angst fast in die Hose pinkelten – dann würde er ganz cool aufstehen, sein iPad anstöpseln und den drei Chinesen eine Präsentation liefern, dass ihnen die Ohren weg fliegen würden.

Er wusste, dass James wochenlang an irgend etwas herumgebastelt hatte. Doch soviel hatte er schon mitbekommen: Hier gab es weit und breit niemanden, der sich so gut mit Computern und Software auskannte wie er. Kevin Schmidt, der Mann mit dem grauen Finger. Auch James nicht. James würde es vermasseln, so viel war klar. Und er, Kevin Schmidt, würde den Tag retten, den dämlichen „Zuchtstier“ und – was viel wichtiger war – seinen Chef Manfred März und womöglich noch den ganzen Verlag!

Die Idee war ganz einfach: Es lag allein an der Software. James würde irgendwelche ollen Sheets zeigen, mit Old-School-Grafiken, langweiligen langen Texten und das alles in einer saumiserablen Optik. Vielleicht würde er (wie peinlich!) noch etwas asiatische Musik drüber legen. Kevin lachte in sich hinein: „Du Looser!“ Da fiel ihm ein, dass er ja Kopfhörer trug und ihn vielleicht jemand gehört hatte. Er nahm ihn ab und lauschte – es rauschte mächtig in seinen Ohren… aber nichts geschah.

„Schlechter!“ ging es ihm durch den Kopf. Er dachte nach. Bisher hatte er es nicht geschafft, wirklich jemanden auf seine Seite zu ziehen. Doch wenn er nachher etwas Support bekommen wollte, dann brauchte er zumindest einen Buddy, einen Fan, einen, der ihm zustimmen und vielleicht sogar an der richtigen Stelle „Genau das ist es!“ sagen würde. Die Kruse und der Chef fielen aus. Doch Frank Schlechter, der Typ aus der Buchhaltung, schien fit genug. Er hatte sich ganz am Anfang mal mit ihm unterhalten: Mit Schlechter könnte es funktionieren. Außerdem könnte er ihm vielleicht noch ein bisschen was über die Pläne von Bridge aus der Nase ziehen – unterschätze niemals deinen Feind, riet Kevin sich selbst.

Gedacht, getan: Kevin Schmidt sprang auf, nahm sein dunkelblaues Samt-Jacket und machte sich auf den Weg. Um zu Frank Schlechter zu gelangen, musste er einmal quer über die Flure der Redaktion. Zum Glück begegnete er niemandem. Dennoch setzte er zur Sicherheit sein Lächelgesicht auf…

9:34 Uhr

Kevin atmete einmal kurz durch, als er Schlechters Tür erreichte – dann klopfte er. Keine Antwort. Nichts war zu hören. Er klopfte noch einmal. Etwas lauter. Noch immer nichts. Dann zweimal hintereinander. Jetzt hörte er Schritte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis endlich jemand die Tür öffnete – nur einen Spalt – und seinen Kopf hindurch streckte. Es war diese Marissa Soundso, keine Ahnung. Nebensächlerin.

„Ja?“ Die Praktikantin verzog keine Miene.
Kevin lächelte sie mit seinem freundlichsten Smiley-Lächeln an: „Ich bin Kevin: Anzeigen. Ich müsste mal Frank Schlechter sprechen…“ So als hätte sie das alles nicht gehört, schaute die junge Frau ihn weiter an, vielmehr durch ihn hindurch. Dann antwortete sie: „Schlechter?“ Kevin nickte eilig mit dem Kopf.
„Der hat im Moment keine Zeit. Morgen ist besser. Wir haben heute reichlich zu tun.“
Die Tür schloss sich langsam wieder, doch Kevin griff hastig nach ihr. „Es ist aber besonders wichtig. Es geht um die Präsentation. Er ist doch auch dabei. Ich muss ihn dringend sprechen.“ Wieder glotzte die Praktikantin einen langen Moment, dann gab sie nach: „Augenblick. Ich sag ihm Bescheid. Wie ist Ihr Name noch mal?“
„Schmidt, Kevin Schmidt“.

Sie verschwand und tauchte etwas später wieder auf: „Er hat fünf Minuten. Kommen Sie rein.“ Kevin trat in den Vorraum. Er war groß, hell, gut geheizt. An mehreren Tischen saßen etliche Mitarbeiter. Einige hatte Kevin noch nie gesehen.
„Hi!“ rief er ihnen freundlich zu, doch keiner sah von der Arbeit auf. Die Praktikantin zeigte in die hintere Ecke des Raumes auf eine Tür: „Er ist in seinem Büro. Da hinten.“ Kevin ging an dem Tisch vorbei auf die Tür zu, klopfte kurz und trat dann, ohne auf Antwort zu warten, ein.

Frank Schlechter saß an seinem Tisch. Vor sich mehrere Stapel Papier und geöffnete Ordner. Von irgendwoher erklang leise klassische Musik. Er sah Kevin direkt in die Augen: „Herr Schmidt – Sie sind doch der Neue, wenn ich mich nicht irre. Was gibt´s?“ Er ließ die Hand mit dem Füllfederhalter auf einen Papierstapel sinken, so dass die Stiftspitze eine Zahl markierte.

„Sorry, aber es dauert auch nicht lange“, Kevin trat näher an den Tisch heran. „Ich bin nachher bei der Präsentation dabei. Sie doch auch… Und Sie wissen wahrscheinlich schon, dass Herr Bridge das Haus verlassen hat, um seinen Hund zu suchen…“
Frank Schlechter stützte sein Kinn in die freie Hand und schaute übertrieben interessiert: „Ja. Und?“
Kevin legte hastig nach: „Na, und er soll doch die Präsentation schmeißen.“ Nachdem Frank Schlechter nichts erwiderte, fasste Kevin den Entschluss, ihn vollständig einzuweihen: „Also… Ich habe – nur für den Fall das etwas passiert – einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen und eine, äh, zweite Präsentation vorbereitet.“
Frank Schlechter riss in gespielter Theatralik seine Augen auf: „Wissen Sie denn, was Herr Bridge präsentieren will? Soweit mir bekannt, hat er – außer dem Chef – noch niemanden was erzählt. Und so wie März gerade drauf ist, weiß noch nicht mal der Genaues.“

Kevin trat von einem Bein auf das andere: „Nun ja, ich weiß es auch nicht ganz genau, aber so viel steht doch fest: Wir brauchen ein neues Konzept für den ‚Zuchtstier‘. Und für den Verlag!“
„Ach, und da fühlen Sie sich bemüßigt einfach mal so ein komplettes Konzept aus dem Ärmel zu schütteln? Aus welcher Abteilung kommen Sie noch mal?“
Jetzt wurde Kevin sichtbar rot: „Anzeigen“
„Ich verstehe“, Frank Schlechter wollte gerade aufstehen und das Gespräch für beendet erklären, da stürzte Kevin auf ihn zu, die Hände ausgestreckt, wie um etwas aufzufangen.
„Ich habe ein paar sehr gute Ideen. Wenn Herr Bridge bis heute mittag nicht wieder auftaucht…“
„Warum soll er denn nicht wieder auftauchen?“, blaffte ihn Schlechter nun an.
„Na, wegen seines Hundes. Wir wissen doch nicht, ob er ihn so schnell findet“, Schmidt versuchte unschuldig zu gucken und ließ die Hände sinken.

„Das lassen Sie doch mal lieber seine Sorge sein. So wie ich die Sache einschätze, weiß James Bridge ganz genau was er tut! Und warum kommen Sie mit diesen ganzen verwirrten Gedanken eigentlich zu mir?“ Frank Schlechter war aufgesprungen und fuchtelte nun seinerseits mit den Hände in der Luft herum.
Kevin wich einen Schritt zurück: „Ich dachte, weil Sie doch nachher dabei sind…“
„Ich habe nur mit den Zahlen zu tun. Das Konzept lassen Sie mal Bridges Sorge sein!“
„Ja, aber wenn er nicht rechtzeitig kommt?“
„Er wird schon kommen“, so langsam ging ihm dieser Schmidt auf die Nerven – vor allem, weil seine Bedenken nicht ganz so weit von den seinen entfernt lagen…
„Ja, aber wenn nicht? Ich habe eine komplette Keynotes-Präsentation mit ziemlich coolen Effekten…“, so leicht ließ sich Kevin Schmidt nicht abschütteln.

„Und warum? Sie wussten doch heute morgen noch gar nicht, dass Herr Bridge noch mal weg muss. Oder haben Sie schon vorher damit angefangen? Wissen Sie was, Herr Schmidt, so sehr ich Ihr Engagement zu schätzen weiß – wir brauchen Leute wie Sie – so unnütz ist Ihr Unterfangen. Die Präsentation hält Bridge. Punkt! Sie, Sie können ja vielleicht noch etwas über den Anzeigenverkauf erzählen“, mit diesen Worten legte Schlechter seinen Arm väterlich um Schmidt und schob ihn sanft, aber bestimmt zur Tür.

„Ja, aber wir brauchen doch was vollkommen Neues. Online sind wir noch in den ‘90er Jahren“, versuchte Schmidt das Unvermeidliche aufzuhalten: den Rauswurf, die Erniedrigung, die Missachtung, die Blamage…
„Ich weiß, Schmidt. Ich weiß. Und irgendwann kommt ganz sicher Ihre große Stunde. Doch nicht jetzt. Nicht heute“, Frank Schlechter öffnete die Tür und lächelte Kevin Schmidt gespielt freundlich an: „Vielleicht beim nächsten Mal. Sie sollten mit Herrn Bridge mal darüber sprechen, wenn Sie hier bisher verborgene Talente haben. Er wird sich sicher freuen, wenn sie ihm zur Hand gehen.“

„Ja, aber Sie verstehen nicht. Kann ich Ihnen nicht wenigstens mal zeigen, was ich vorbereitet habe?“ versuchte Schmidt durch die sich schließende Tür einen letzten Versuch.
„So gern ich mir das anschauen würde. Ich habe einfach keine Zeit. Nächstes Mal“, und damit hatte Schlechter Schmidt hinaus komplimentiert.
„Ja, aber…“, versuchte Schmidt.
„Kein aber mehr! Wir sehen uns nachher“, und mit einem blechernen „Plim“ schloss Schlechter die Tür direkt vor seiner Nase.

9:40 Uhr

Kevin blieb nichts weiter übrig, als in möglichst würdevoller Haltung und unverrichteter Dinge wieder abzuziehen: „See you“, rief er den Buchhaltern noch zu, die ihn weitestgehend ignorierten. Unschlüssig stand er noch einen Moment vor der Tür auf dem Flur herum. Es blieb immer noch genug Zeit. Er würde sich nicht darauf verlassen, dass Bridge rechtzeitig zurückkehrte. Und er würde sich auch nicht darauf verlassen, dass Bridge eine auch nur halbwegs passable Präsentation auf die Beine stellte. Der war doch schon jenseits der dreißig – wie sollte denn das was werden? Der hatte doch keine Ahnung von den aktuellen Web-Entwicklungen!

Kevin konnte sich nicht erklären, warum Schlechter ihn so hatte abblitzen lassen: Wenn Bridges‘ Präsentation nachher nach hinten los ging – und das war so gut wie sicher –, dann trug der ganz persönlich seine Mitschuld daran. Für Kevin stand fest: Die hatten alle definitiv keine Ahnung! Sie wussten nicht was angesagt war und wie man eine Marke wie den „Zuchtstier“ ins digitale Zeitalter rettete!! Der komplette Verlag hinkte schon rund zehn Jahre hinter den Entwicklungen her!!! Und keiner von denen bekam das mit – das war das Schlimmste. Frank Schlechter? Der könnte nachher höchstens noch Erbsen zählen – wenn nach dem Desaster überhaupt noch welche übrig blieben. Auf den konnte er nicht bauen, das wusste er jetzt.

Kevin würde die Konfi rocken. Die Chinesen würden ihn lieben und Schlechter würde wohl bald seinen Hut nehmen. Soviel war klar.
„Vollpfosten!“ zischte Kevin, bevor er sich wieder auf den Weg in sein Schuhschachtel-Büro machte. Heute würden sie ihn kennenlernen….

 

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Katrin Klemm

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