DIE KERNFORSCHER

Portrait: Kevin Schmidt Kapitel 5: Attacke! 10. Mai 2016

“Sonst noch was, Herr Schmidt?” Melinda Diel schob sich mit einem Mittelfinger das Brillengestell hoch, das ihr auf die Nasenspitze gerutscht war, und sah Kevin durchdringend an. “Augenblick, warte mal Mini”, Kevin hielt ihr seinen Zeigefinger vor die Nase, starrte aber nur auf den Bildschirm. “Geil, bei denen ist das Licht ausgegangen. Obergeil”, er grinste breit und nickte zufrieden. “Was war noch mal,” endlich schaute zu ihr herüber. Melinda war es unangenehm, dass ihr Vorgesetzter ihr in den seltensten Fällen in die Augen schaute und trug deshalb möglichst weite Pullover. Doch das störte Kevin Schmidt, Projektleiter bei Míngrì Network News, nicht sonderlich. Er war sogar stolz, dass seine beiden Assistentinnen optisch was hermachten und rief sie auch einfach mal so zum Zeitvertreib in sein Büro. Für ihn war es selbstverständlich, sie zu duzen und ihnen Spitznamen zu geben. Sie mussten ihn jedoch auch heute noch – nach sechs Monaten – siezen.

“Äh, ach ja. Mini, besorg mir doch bitte mal den Katalog von diesem Shop hier. Ich brauche neue Sneaker”. Er schrieb ihr die Adresse eines Berliner Sport Stores auf. “Da habe ich ihn letzte Woche noch rumliegen gesehen. Und wenn Du es schaffst, kannst Du die Schuhe nachher auch noch da rausholen. Wärst Du so lieb? Und…”, Melinda atmete tief durch, was ihm gefiel. “Ja, was denn Herr Schmidt?”, seufzte sie. “Ach und sag den Jungs vom Social Service Bescheid, dass sie gleich mal hier antanzen sollen – alle Drei. “Mach ich. Sonst noch was, Herr Schmidt?” “Yep. Was macht denn Su gerade?” fragte Kevin schon wieder auf den schwarzen Monitor starrend und nicht wirklich interessiert. Gedankenverloren strich er sich durch die blonden Locken. “Susann sortiert das Archiv um, wie Sie ihr aufgetragen haben”, antwortete Melinda schnippisch. “Gut. Mini, dann sag ihr doch noch kurz, dass ich sie brauche”. “Mach ich. War´s das?” “Ja, das war´s. Es ist jetzt kurz nach eins. Um 13:45 Uhr bist Du wieder zurück! Also, lass Dir Zeit, aber beeile Dich”, scherzte Kevin ihr hinterher – doch Mini hatte sich so schnell sie konnte aus dem Staub gemacht.

Kevin Schmidt saß im neunten Stock eines Gebäudes im Spree-Dreieck nahe dem Friedrichstadt-Palast. “Erste Adresse”, wie er jedem erzählte. Manchmal stand er nur so da und schaute durch die getönten Scheiben auf Berlin hinab. Und von draußen sah alles noch besser aus: Ein schwarzes Büro-und Geschäftsgebäude, von dem Míngrì allein vier Etagen belegte. Eine der Etagen gehörte MNN, einem WebTV-Kanal. Eben jenem, der auf dem geklauten Konzept seiner ehemaligen Hamburger Kollegen basierte. Man hatte ihm ein vorzügliches Angebot gemacht: Ein Jahr lang Projektleitung. Endlich war seins, was ohnehin ihm gehörte. Zumindest war die Idee doch von ihm, so viel war schon mal klar. Und hier bei Míngrì wurde ihm endlich die Anerkennung zuteil, die ihm die Deppen aus Hamburg stets versagt hatten.

Sein Büro war großzügig geschnitten und hell. Er hatte zwei Schreibtische. Einen für die Arbeit und einen für die Partner und Hiwis, wie er seine Mitarbeiter nannte. Auch wenn hin und wieder mal jemand aus dem Management vorbeischaute, konnte er hier doch schalten und walten wie er wollte. Kurz vor der Übernahme hatte er noch einen Wisch unterschreiben müssen, in dem er sich verpflichtet hatte, über die damaligen Umstände Stillschweigen zu bewahren: Wie er dem Europa-Chef Lian Li sensible Projektunterlagen nach London geschickt hatte. Wie er der Projektentwicklung von Míngrì die Pläne von Manfreds Trottel-Crew erklärt hatte. Er hatte ihnen alles verraten und war dafür fürstlich belohnt worden. Immerhin war das Konzept ja nicht geschützt – Pech gehabt: Jetzt setzten sie es eben um. Und zwar viel besser.

Und seit dieser Zeit, damals im März, hatte er den Umzug organisiert, alle Zelte in Hamburg abgebrochen und in Berlin ein einziges Abenteuer erlebt. Berlin war sowieso viel geiler als Hamburg. Das wusste jeder. Und er hatte den geilsten Job der Welt. Auch wenn ihn dieser an sieben Tagen in der Woche nicht losließ und er praktisch kein Privatleben mehr hatte. Zum Shoppen und für manches nächtliche Intermezzo hatte es noch immer gereicht. Er verdiente so viel Geld, dass er ein teures Apartment bewohnen konnte, sich kaufen konnte, was immer er wollte, und sogar noch für Jahre Rücklagen auf dem Konto hatte. Er hatte zudem bisschen Geld an der Börse gemacht. Wie geil war das denn?

13:14 Uhr

Kevin verfolgte gebannt die Live-Cam von PocketStreamingTV. Es sah so aus, als würden die im Studio fieberhaft an dem Problem arbeiten. Überall flackerten Smartphone-Displays und kleine Kerzen in der Dunkelheit. Die Sendung aber war nicht unterbrochen. Immer wieder gab dieses hässliche Roboter-Dings irgendwelche bescheuerten User-Kommentare von sich. “Scheiße! Gebt endlich auf”, schrie Kevin und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Sein Blick wanderte hinüber zu der Wand, an der ein überdimensionaler Werbebanner von Míngrì Network News hing. Er war lila und verhieß in großen, goldenen Buchstaben: Say what you want – when you want – where you want. ”Ihr Chinesen habt einfach keinen Geschmack”, schnaubte er verächtlich. “Das habe ich gehört”, vernahm Kevin eine Stimme hinter sich und fuhr herum. Hinter ihm stand Lian Li, der Europa-Chef von Míngrì.

“Du hier?”, Kevin war wirklich überrascht und versuchte sich aus dem Fettnäpfchen zu manövrieren. “Ach, das war doch nur ein Scherz”. “Schon gut, brauchst Dich nicht entschuldigen. Du hast ja Recht. Meine Leute haben es echt nicht so drauf. Was meinst Du, warum ich immer wieder nach Deutschland komme?” “Äh, ich…”. “Brauchst nicht raten. Natürlich weil Ihr in Deutschland immer die Nase vorn habt, wenn es um guten Geschmack geht”. Lian hatte ein honigsüßes Lächeln aufgesetzt, aus dem Kevin nicht schlau wurde: Sollte er nun mitlächeln oder die Bemerkung eher als Warnung verstehen?

Lian Li hatte damals über Lesli Mingfei Schneider den Kontakt zu Kevin bekommen und den Deal mit ihm eingefädelt. Ein echter Glücksfall für Míngrì fand Kevin. “Schönes Outfit, Kevin. Ich sag´s ja, Ihr Deutschen seid geschmackssicher, wenn’s drauf ankommt”, legte Lian noch einen nach. Kevin schluckte betreten, denn es war unverkennbar, dass er in den letzten Monaten Li’s Look kopierte. Aber was soll´s: “Imitation ist der höchste Ausdruck der Bewunderung”, hatte er mal gelesen.

“Warum ich hier bin, willst Du wissen?” Kevin nickte. Er hatte zwar die Frage noch gar nicht gestellt, aber es interessierte ihn wirklich: “Ja, warum bist Du hier, Lian? Wir haben doch kein Meeting, oder?” Lian strich in seinem Büro herum wie ein Tiger kurz vor dem Sprung. Dass er dabei alles mögliche anfasste, verunsicherte Kevin noch unsicherer machte: Er verrückte die Stühle am Konferenztisch, nahm sich eine Handvoll Kekse aus der Gästeschale, begrabschte den MP3-Player, griff sich dann eine Zeitschrift von Kevins Schreibtisch, blätterte sie in Windeseile durch, ließ sie dann achtlos wieder fallen, ging auf das große Metallregal zu und holte eine von Kevins geliebten Action-Figuren hervor – den Joker, ein besonders wertvolles Stück. “Tja, ich bin wegen drei Dingen hier. Eines kannst Du vielleicht selbst erraten?” Kevin dachte angestrengt nach, doch vermied es zu antworten.

“Also, dann komme ich mal zur Sache. Erstens: Wir sind sehr zufrieden mit Dir, aber noch zufriedener wären wir, wenn Du Deine Hauptaufgabe heute frontal angehst. Verstehst Du?” Lian sah ihn unvermittelt an. “Du meinst Pocket?” “Ja Kevin, genau die meine ich. Du hast mir vor einem Monat versprochen, dass Du Dich darum kümmerst. Als wir erfahren haben, dass Dein altes Team aktiv wird, wolltest Du Dich der Sache annehmen”. Lian zog die Lippen zu einem bleistiftdünnen Strich zusammen. “Ich, Lian, das habe ich doch getan? Ich habe Euch alles erzählt, was ich über meine Hamburger Kontakte herausfinden konnte”. Kevin wurde nun noch mulmiger. Was sollte das heißen? Doch Lian beantwortete ihm die unausgesprochene Frage direkt: “Das war schon gut, aber nicht ganz das, was uns vorschwebte. Du solltest dafür sorgen, dass die kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Wir dulden keine Konkurrenz. Und schon gar nicht von einer Company, mit der wir juristisch im Streit liegen. Verstehst Du?”

Ohne die Antwort abzuwarten fuhr er fort: “Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt. Wir hatten doch einen Mann bei Pocket, oder? Du hast ihn gebrieft”, bohrte Lian weiter. “Du meinst Dan Martin?”, fragte Kevin. “Ja, genau den: Dan Martin. Er sollte Pocket lächerlich machen. Und was sehe ich da, wenn ich mir die Sendung anschaue?” Lian ging zu Kevins Rechner und tippte mit Nachdruck auf den Bildschirm. “Äh, nichts?” stammelte Kevin. “Nicht nur nichts, Kevin. Nicht nur nichts, sondern auch keinen Dan. Was ist da los?”, Lian klang immer bedrohlicher. “Das weiß ich doch nicht. Das ist Euer Mann. Ihr…”, wollte Kevin sich verteidigen, doch Lian schnitt ihm das Wort ab: “Aber es ist Deine Aufgabe, Pocket im Blick zu behalten, verstehst Du das?” Kevin schluckte.

“Es ist jetzt 13: 35 Uhr und die senden immer noch. Hast Du Dein Projekt im Griff?” “Aber ich dachte, ich sollte Míngrì Network News aufbauen”, wandte Kevin kleinlaut ein. “Genau. Und dazu gehört insbesondere eben auch das Projekt PocketStreamingTV. Habe ich mich klar ausgedrückt?” Kevin spürte die Wut in sich aufsteigen, doch vermied es sorgsam, sich was anmerken zu lassen: “Natürlich Lian. Aber sicher Lian”.

Die Tür ging auf und Susann Sanders, Kevins zweite Assistentin steckte den Kopf zur Tür rein: “Melinda sagt, Sie brauchen mich?” “Nicht jetzt, verdammt”, blaffte er sie an. “Wir sind hier gleich fertig. In zehn Minuten ist er ganz für Sie da, meine Liebe”, säuselte Lian mit klebriger Stimme. Susann lächelte verlegen zurück und schloss die Tür hinter sich.

“Kevin, Du hast es doch gut bei uns – oder?” Kevin schluckte. Was sollte das jetzt wieder? “Klar”, gab er zu. “Du hast zwei sehr ansprechende und sicher auch fleißige Assistentinnen, das schönste Büro der ganzen Etage und ein Gehalt, von dem andere in Deinem Alter und mit Deinem Werdegang nur träumen können”. “Werdegang?”, Kevin wurde noch verwirrter. “Egal. Der dritte Punkt ist: Es wird sich hier ein bisschen was ändern. Und es betrifft uns alle – auch Dich”. “Wie? Was meinst Du damit, Lian?” Kevin kam jetzt richtig ins Stocken. “Na, Du verstehst schon”, Lian ließ einen Finger in der Luft kreisen: “Das Karussell dreht sich. Und es dreht sich immer schneller. Weißt Du? Nur, wer sich gut festhält, bleibt auf seinem Hintern sitzen. Alle anderen…”. “Aber ich mach doch meine Arbeit gut!”. Kevin spürte sein Selbstvertrauen innerhalb weniger Minuten in den Keller rutschen “Tja”, Lian machte es spannend und blickte einen Augenblick auf den Monitor mit der Übertragung von PocketStreamingTV, wo just in diesem Moment das Licht wieder anging.

Beide beobachteten, wie ein paar Leute in einer gemütlichen Couchecke Platz nahmen und ein dicker junger Mann mit rotem Bart ihnen Getränke reichte. “Ja, also Míngrì wurde gestern verkauft. An einen Schweizer Fund, BBDSBB oder so. Ist ja egal. Die Chinesen sind raus und nun wird filetiert”, erklärte Lian, ohne die Übertragung auf dem Monitor auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Die Gäste scherzten ausgelassen. Die Kerzen brannten immer noch.

“Es liegt jetzt bei Dir, wie erfolgreich das Projekt verläuft. Du bist der Projektleiter, Kevin, und niemand anderes”, nagelte Lian ihn fest: “Es ist also höchste Eile geboten”. Kevin glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er brauchte ein paar Sekunden bis er die Tragweite des Gesagten verstand: “Wenn Pocket überlebt bin ich draußen?”, fragte er ungläubig. “So könnte man es auch sagen, aber pssst!”, Lian legte den Zeigefinger an die Lippen. “Denk an Deine Vereinbarung…”.

Die Tür ging auf. Melinda und Susann schauten vorsichtig hinein. “Ich habe den Katalog, Herr Schmidt”, meinte Melinda. Sie ließ zu, dass Lian ihn ihr aus der Hand nahm: “Ach Kevin, ich sage ja: einen guten Geschmack!” Dann stellte er sich den Assistentinnen in den Weg: “Übrigens meine Lieben. Ich habe jetzt frei. Und Herr Schmidt hat alle Hände voll zu tun. Wie wäre es, wenn wir drei einen Happen essen gehen und ihr beide mir später die Berliner Club-Szene zeigt? Hier soll es nachts richtig zur Sache gehen…”. Susann schaute fragend zu Kevin rüber. “Das geht in Ordnung”, meinte der. “Ihr habt jetzt frei”. “Danke!”, riefen Melinda und Susann. Lian hakte sich bei ihnen unter und lachend liefen sie davon.

13:45 Uhr

Nur einen Moment später kamen die drei Kollegen vom Social Service: “Du hast was für uns?”, fragte Tarek, der Älteste der drei. “Ja. Um es kurz zu machen. Vergesst jetzt alle anderen Projekte. Ich brauche Euch auf der Stelle für das Pocket-Projekt”, wies Kevin sie an, während er versuchte seine Haltung zurückzugewinnen. “Da waren wir doch vorhin schon”, erwiderte Tarek. “Da steht jetzt nur noch so’n Twitter-Roboter. Wir haben versucht, denen fiese Kommentare zu hinterlassen, aber die unterschlagen sie einfach. Jemand scheint die zu vorfiltern”. “Ist mir scheißegal. Die senden immer noch. Guckt doch hin. Geht wieder rein und macht ihnen das Leben zu Hölle. Das werdet Ihr doch wohl schaffen?” Bei Kevin entlud sich nun der ganze Zorn, den er bis eben zurückgehalten hatte. “Ich will in den nächsten Stunden Resultate sehen. Fangt ganz harmlos an und dann macht sie platt! Attacke!” Die Drei schauten sich bedeutungsvoll an. Das Telefon klingelte. Ärgerlich wedelte Kevin mit der Hand und bedeutete ihnen sich zügig zu verziehen.

“Schmidt!” blökte er in die Muschel. “Hier Martin, Dan Martin. Aus Hamburg”, kam es zurück. “Ich weiß. Was war denn bei Euch los? Wieso bist Du nicht im Studio?” “Die haben herausgefunden, dass ich auch für Míngrì arbeite und dann musste ich…”. Weiter kam er nicht, bevor Kevins Stimme sich überschlug: “Was seid Ihr alle für unprofessionelle Stümper. War doch klar. Die sind doch nicht doof. Wer kam denn nur auf diese Kack-Idee, dass Du das machen sollst?” “Lian”, antwortete Dan, der offensichtlich keinen Anschiss erwartet hatte. Ja klar, Lian, und hier das Maul aufreißen, dachte Kevin…

“OK. Kann man nicht mehr ändern. Und was jetzt?”, wollte Kevin wissen, als es auf der anderen Leitung zu blinken begann. Jemand versuchte ihn zu erreichen: Vielleicht noch mal Lian? “Du, Dan ich muss auflegen. Hier kommt gerade ein wichtiges Gespräch rein”, blockte er ihn ab. “Aber ich… was soll ich…”, doch Kevin hatte schon aufgelegt.
“Schmidt?” Kevin sah aus dem Augenwinkel auf den Monitor. Neben dem Live-Bild wurde die Anzahl der aktuellen Zuschauer von PocketStreamingTV eingeblendet. Die Zahl stieg rasant… “Hallo Schmidtchen. Hier ist Kimme!” Kevin fiel aus allen Wolken. “Bist Du dran, Kevin?” Das konnte er jetzt gar nicht gebrauchen. Sein bester Freund aus Hamburg hatte die unangenehme Angewohnheit immer gerade dann anzurufen, wenn es gerade überhaupt nicht passte. “Ja, was gibt´s denn?”, fragte Kevin kurz angebunden. “Man hört ja gar nichts mehr von Dir. Muss ja ein ziemlich wichtiger Job sein, den Du da machst”, die Stimme von Marcel Kimme klang wie immer freundlich und warm. “Ja, im Moment ist hier die Hölle los”, beteuerte Kevin in der Hoffnung, sein Freund würde von alleine den Rückzug antreten. “Oh, ich hoffe, das muss ich nicht wörtlich nehmen?”, Marcel lachte, aber Kevin reagierte nicht. “Du, ich kann wirklich nicht, vielleicht morgen”, wollte er ihn abwimmeln.

“Mensch, Kevin, Du bist ja mal wieder charmant. Berlin scheint Dir nicht gut zu tun…”, Kevin hörte Marcels Stimme schnaufen und wusste, dass dessen Leichtigkeit nur gespielt war. Die Abfuhr hatte ihn getroffen. Doch so schnell gab er nicht auf: “Das wird nichts. Ich sitze schon im Zug!” “WAS?”, stöhnte Kevin. “Tja, wenn Du Dich nicht meldest, dann komme eben ich. Wie lange arbeitest Du?” “Das kann lange dauern. Bis 21 Uhr, wahrscheinlich länger”. “Du spinnst ja. Okay, ich komme dann abends und wir essen was zusammen. Ich werd mir noch ein bisschen die Zeit vertreiben. Es dauert ja sowieso immer alles länger mit dem Rolli”, Kevin dachte an Marcels Querschnittslähmung. Er konnte ihn nicht abweisen. Aber er hatte auch keine Ahnung, wie er seine Situation überspielen sollte. “Gut, dann komm vorbei. Aber ich weiß nicht, wie viel Zeit ich habe”. “Kevin?”, fragte Marcel: “Steckst Du in der Scheiße?” “Ich, ach was! Wie kommst Du denn da drauf?” “Ach nur so, wäre ja nicht das erste Mal. Also gut, dann bis nachher”.

Als Marcel aufgelegt hatte starrte Kevin fassungslos auf den Bildschirm. Er sah wie sich bei Pocket langsam ein lockeres Gespräch entwickelte und viel gelacht wurde. Er sah, wie die Zahl der Zugriffe immer weiter stieg. Hoffentlich würde das Social-Service-Team was reißen. “Ich stecke in der Scheiße”, flüsterte er.

 

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Portrait: Kevin Schmidt

Kapitel 5: Attacke!

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Katrin Klemm

Portrait: Kevin Schmidt

Kapitel 5: Attacke! Mai 10, 2016

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