DIE KERNFORSCHER

Portrait: James Bridge Kapitel 3: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus 25. November 2014

Es war gerade mal 9:02 Uhr und James hätte am liebsten jetzt schon alles hingeschmissen. Komplett. Er stand vor dem Bürogebäude und überlegte, ob er mit Mister X. zum Wasser spazieren und sich einfach eine Weile nicht blicken lassen sollte. Seit Wochen war sein Nacken elendig verspannt. Er hatte immer wieder heftige Kopfschmerzen und war vollkommen übernächtigt. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal echten Urlaub hatte. Ihm kam es wie Jahre vor.

Doch James war den anderen etwas schuldig. Es war ja mehr oder weniger sein Team. Er hatte sie überzeugt mitzumachen. Er war aus seiner eigenen Versenkung und distanzierten Zurückhaltung herausgetreten, hatte Manfred März, Franka und die anderen überredet. Er hatte begeistert getan, auch an den Tagen, an denen er gar nicht mehr so sicher war, ob seine Idee wirklich gut war und der Plan wirklich aufgehen würde. Und spätestens seitdem mit Walter Freses Lottogewinn Geld ins Spiel gekommen war, hatte die normative Kraft des Faktischen immer mehr und Stück für Stück den Rückweg verbaut. Ihr Konzept MUSSTE erfolgreich sein. Es ging um die Herausforderung. Es gab einfach keine Alternative. Jeder von ihnen hatte sich ins Zeug geschmissen, hatte Überstunden gemacht und geholfen wo er nur konnte. Allein schon deshalb war er es ihnen schuldig.

Mister X saß vor ihm, beobachtete ihn und schien aus seinem mürrischen Ausdruck irgendwie schlau werden zu wollen. Der Hund hatte sich gut erholt und die Fürsorge aus dem verstrubbelten Etwas ein schönes Tier gemacht – mit dichtem Fell, wachem Blick und federndem Gang. Für sein geschätztes Alter eine tolle Entwicklung. Mister X war James ans Herz gewachsen. Doch jedes Mal wenn er ihn ansah, wenn er mit ihm sprach oder ihn in einer ruhigen Minute streichelte, musste er unweigerlich an Bella denken. Mister X konnte nichts dafür, dass er ihr so ähnlich sah, doch in James Liebe zu seinem Zögling lag immer auch etwas Schwermut und Traurigkeit. Die Anzeigen standen zwar immer noch bei Facebook und auch die Polizei, eine Hundepflegestation und zwei Privatmenschen hatten sich bei ihm gemeldet, doch Bella war bis zu diesem Tag nicht wieder aufgetaucht.

“Man darf die Hoffnung niemals aufgeben, oder?” fragte James Mister X, der wie zur Bestätigung heftig mit dem Schwanz wedelte. Und James begriff sofort, dass seine Frage nicht nur an den Hund gerichtet war, sondern vielmehr an sich selbst. James hatte seit seinem beruflichen Neustart gelernt, besser auf sich aufzupassen und sich auch mal kleine Auszeiten wie einen kleinen Extraspaziergang zu gönnen. Doch heute entschloss er sich, gleich wieder nach oben zu gehen, atmete einmal so tief er konnte durch, und betrat das Verlagsgebäude.

Im Foyer schien Ruhe eingekehrt zu sein. Die Handwerker und ein Techniker saßen in der Ecke des Raumes und spielten Karten. Einer trank ein Bier und nickte ihm aus der Ferne zu. „Darf der das bei der Arbeit?”, dachte James und fand sich im selben Augenblick ziemlich spießig. „Moin”, rief er der Truppe zu und verschwand kurz darauf im Fahrstuhl. Es gab wirklich genug zu tun. Und wenn Manfred März Zuspruch brauchte, dann würde er, James, eben sein Bestes geben. Immerhin erstaunlich, dass er zu ihm gekommen war. James drückte auf den Knopf für den sechsten Stock. Irgendwie roch es seltsam süßlich in der Fahrstuhlkabine. Er musste zwei Mal niesen.

9:09 Uhr

James betrat den Newsroom. Irgendwie wurde er den Geruch nicht los. Also ging er erst einmal in die Küche. Sie war leer. Auf dem Tisch lag eine Reihe halb geschmierter Sandwiches, daneben ein großes, offenes Glas Sandwich Spread. James ging zum Kühlschrank und suchte nach einer Flasche stillem Wasser. Im untersten Regal fand er eine. Sie war zwar angebrochen, aber das machte ihm nichts. James setzte an und trank die Flasche in einem Zug aus. Dann stellte er sie in den Altglas-Karton und machte sich auf den Weg zu seinem Schreibtisch.

Der große Raum schien leer. An manchen Tischen machte es „DingDong”, doch nichts geschah… „Seltsam“, dachte James, als er ein bassiges, lautes Lachen vernahm. Besser hätte es der Weihnachtsmann auch nicht hinbekommen: „Ho ho ho” und „Ha ha ha” schlug es ihm in Wellen entgegen. James sah sich um und erkannte weiter hinten an Manfreds Schreibtisch eine große Menschentraube. Der ganze Platz war umringt. Und dann kam es wieder: “Ho ho ho, meine Liebe, da sprechen Sie ein großes Wort gelassen aus!” James wusste nicht, was er davon halten sollte. War etwas passiert? Wessen Stimme war das?

Er ging zu seinem Schreibtisch und beendete das Alarmsignal des Büroprogramms. Schon besser. Dann überlegte er, ob er zu der Gruppe hinübergehen sollte. Doch eigentlich hätte er sich viel lieber mit seiner Planung beschäftigt. Er hatte keine rechte Lust auf Bürospäße – oder was das auch immer sein sollte, was die anderen so fesselte. Selbst seine Mutter und Walter erkannte er, wie sie ganz offensichtlich von all ihren Sorgen befreit an Manfreds Tisch standen und in den Chor einstimmten. „Hi hi hi” und „Ha ha ha”… Die ganze Truppe schien bester Laune.

„Mister X, mach schön Platz! Leg Dich hin. Ich komme gleich wieder”, James tätschelte den Kopf des Hundes, der sich behäbig auf seiner Decke sortierte und mit einem leisen Stöhnen niederließ. Dann ging er mit zögerlichen Schritten auf die Gruppe zu. Er konnte nicht erkennen, wen seine Kollegen da umringten. Manfred März war es nicht, denn der stand, wie James jetzt erkannte, auch neben dem Schreibtisch – und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Dann hörte er wieder die Stimme: bassig wie in einem Cowboy-Film: „Ja, meine Lieben, welche Learnings können wir also aus unseren Doings mitnehmen?”

Die Gruppe hörte augenblicklich auf zu lachen und war still. “Franka, was meinen Sie?” “Ich äh, ja, äh ich…”. James hörte Franka herumstammeln, konnte sie aber nicht sehen. Die Bassstimme schien sie erlösen zu wollen: „Tja, das ist eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Und darum will ich sie Euch auch beantworten…”. Die kleine Gruppe am Tisch schien andächtig wie Kinder vor dem Kasperlspiel. „Der Prosumer möchte aktiv werden! Und wisst Ihr was?” Pause. Die Gruppe war mucksmäuschenstill: “Am Ende des Tages bin ich ein großer Believer in 360-Grad-Ansätzen… Es geht allein um die Kunst, mit Social Engagement echte Customer Lifetime Values zu managen. Ich…”. Da sah James Manfred, der gleichzeitig auch ihn entdeckte.

„Hallo James, kommen Sie schnell her, damit ich Ihnen einen lieben alten Freund vorstellen kann”. Manfred hatte einen hochroten Kopf vor Aufregung. Die Menge teilte sich und gab nun endlich den Blick frei. „Das, lieber James, ist Ricardo Santoni. Er ist freier Business Development Manager und Inhouse, äh…”, „Inhouse Consultant. Aber übertreibe mal nicht Manni”, kam auch ihm der Bass zu Hilfe. Endlich konnte James sehen von wo die Stimme kam: Ricardo Santoni flätzte sich in seiner ganzen Schönheit an Manfreds Tisch, die Füße locker auf dem Schreibtisch platziert.

Seine Gesichtsfarbe erinnerte ihn an einen Toast, der zu lange im Toaster stecken geblieben war. Dann nahm er den überdimensionalen, leicht gewellten Spitzbart wahr, der in Handlänge zu beiden Seiten aus Santonis Gesicht abstand. Und als Santoni seinen Mund öffnete und die gefährlich blitzenden Zähne zum Lächeln freilegte, war es um James geschehen. Er musste auch schmunzeln, nur war dies ganz anders motiviert. James musste aufpassen, dass sich sein Grienen nicht zu einer handfesten Lachattacke auswuchs. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Das hatte was von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

James sah zu den anderen herüber und erkannte sofort, dass es ihnen sehr ernst war mit Ricardo. Wie hatte der es nur fertig gebracht, die anderen so schnell um den Finger zu wickeln? “Äh, guten Tag. Ich bin Bridge… äh, James Bridge…”, sagte James und er wusste genau, dass er seinen Blick die nächsten Sekunden nicht mehr von diesem toastbraunen Gesicht, dem Requisitenbart und den Stonehenge-Zähnen würde abwenden können. Doch da war Santoni bereits aufgesprungen.

Er war gut zwei Köpfe größer als James. “Aber mein Guter, dass weiß ich doch längst. Manni hat mir so viel Gutes von Ihnen erzählt. Von Ihnen, Bridge, ist das geniale YNN-Konzept und jetzt braucht es eben nur noch einen kleinen Schubs, nicht wahr?” Santoni machte eine elegante Handbewegung und dann ein leichte Verbeugung, bevor er James seine riesige Pranke entgegenstreckte. Sie war warm, weich und – etwas feucht, wie James schien.

“Sie sind, äh, ein Business…”, James war bemüht, die insgesamt doch etwas seltsame Situation aufzulockern, indem er irgendwie in das Gespräch mit dem großen Santoni einzusteigen versuchte. “Ja. Ich mache das Business Development … Normalerweise aber für Global Player. Das heißt, ich plane mit den CEOs wo die Disruptive Innovations und Core Competencies liegen!” Der Bass schlug James wie zu viel warmer Wind entgegen.

„Ja, exakt das, was wir jetzt brauchen”, Manfred war aus seiner Euphorie-Stasis erwacht und sah mit leuchtenden Augen erst zu James, dann zu Ricardo Santoni, der sich wieder setzte, ein Bein locker über das andere schlug und mit der Zunge mehrfach über seine bombastischen Zahnreihen strich.

„Man könnte aber auch sagen: Ich schaffe skalierbare Vorwärts-Strategien zum Handling kausaler Zusammenhänge”, Santoni sah James an, als fordere er eine genauso geistreiche Antwort von ihm. Das übergeschlagene Bein begann zu wippen und wollte einfach nicht mehr aufhören. „Aber jetzt mal pronto Toronto! Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus”, machte Santoni polternd deutlich, dass er nicht mehr gewillt war auf James zu warten. „Ich bin zwar erst ein paar Minuten hier, aber ich kann sagen, dass ich mit nur einem Blick erkannt habe, was für High-Potentials ihr alle seid! Wie mir Manni erzählte, habt Ihr heute Euern grand entrance. Deshalb hat er mich angerufen, damit ich euch dabei supporte. Und darum habe ich für meinen lieben Freund ein anderes, sehr großes und bedeutendes Projekt sofort gestoppt – damit ich bei Euch sein kann.”

“Danke Ricardo, danke”, Manfred schien ganz gerührt und aufgelöst. “Ehrensache, Manni, oder soll ich besser sagen Money… Ho ho ho”, Santoni klang wie ein morscher Feueralarm. Doch alle stimmten wie auf Kommando mit ein. Allen voran Walter Frese, den James nie zuvor hatte lachen hören. Und auch Mary hatte Tränen in den Augen. Einzig Kevin Schmidt stand etwas abseits und zog ein Gesicht, als würde er eine große, bittere Pille lutschen. James fühlte mit ihm. Irgendetwas lief hier gerade gehörig aus dem Ruder.

09:31 Uhr

James hatte es geschafft, sich unbemerkt von der Gruppe zu entfernen. Er konnte es nicht begreifen. Man sah doch auf einen Blick, dass es sich beim großen Santoni um einen Blender handelte. Oder etwa nicht? Sollte er sich so täuschen und der Schachzug von Manfred, seinen alten Freund zu aktivieren, doch genial gewesen sein? Kein Schimmer was Santoni wirklich drauf hatte und was er an einem einzigen Tag bewirken wollte. Eins stand aber fest: James würde nicht darauf warten wollen. Er hatte keine Lust, Maulaffen feil zu halten und Santoni beim Schwadronieren zuzuhören. Was sollte das bringen? Und ihn hören konnte er auch von seinem Schreibtisch aus.

James holte seinen Sketchblock hervor und schlug ihn auf. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben und nicht nur das gesamte Konzept darin visualisiert, damit Manfred und die anderen sich noch besser hineinfinden und darüber sprechen konnten. Er hatte darüber hinaus auch den Abend, die Pressekonferenz, in minutiöse Schritte aufgeteilt, die er alle zeichnerisch festgehalten hatte. So und nicht anders stellte er sich den Abend vor. Er!

Seit einiger Zeit hatte er seine Liebe zum Zeichnen neu entdeckt und er erkannte, dass es ihm, aber auch den anderen half, selbst komplexeste Sachverhalte im wahrsten Sinne des Wortes auf den Punkt zu bringen. James nahm sich seinen Lieblingsstift und begann die Szenerie unten im Foyer noch mal neu zu skribblen. Er zeichnete, neben seinen Entwurf von Bühnenaufbau, einen Mann mit überdimensionalen Zähnen, der schwungvoll in der Gegend herum gestikulierte. Darüber zeichnete er eine Sprechblase in der in fetten Lettern “Bla & Blubb” stand. Drumherum eine Gruppe schlecht konturierter Gestalten mit offenen Mündern.

James wusste, dass er die freundliche Übernahme durch Santoni nicht so einfach hinnehmen durfte. Doch das war gar nicht so leicht. Einerseits war er nicht der Typ, der gern kämpfte. Andererseits hatte er ja auf Manfreds Beichte eher unwirsch reagiert und es fragte sich, ob seine Stimme in dem Ganzen überhaupt noch ein Gewicht hatte. Aber nichtsdestotrotz: Die Zeiten standen auf Sturm, das wurde ihm klar. Und wenn er nicht gehörig aufpasste, würde sich Santoni zum Kapitän über ihr Schiff machen, das ohne Zweifel noch heute in einen gefährlichen Sturm geraten konnte. Das war keine schöne Geschichte.

James schloss die Augen, um nachzudenken. Doch was er hörte machte ihn nur noch nervöser: Es war das schrille “Ding Dong”, das aus mindestens fünf Richtungen erklang und es war ein mächtiges “Ho ho ho ho ho”, das sich anhörte wie das irre Gelächter von Captain Ahab, kurz bevor dieser mit Moby Dick für immer auf dem Grund des Meeresbodens versank.

 

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Katrin Klemm

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