DIE KERNFORSCHER

Portrait: Manfred März Kapitel 3: Druckausgleich 21. Januar 2014

Manfred März saß in seinem grauen Ledersessel und starrte auf das Telefon. Es klingelte. Drei Lämpchen leuchteten auf. Drei Anrufe: Auf Leitung eins Franka Kruse. Auf der zweiten seine Frau. Und auf der dritten Leslie Mingfei Schneider, die Dolmetscherin und Koordinatorin der Delegation aus China.

8:21 Uhr

Die Herren Cheng, Ni und Zhang würden in wenigen Stunden mit dem Firmen-Jet am Hamburger Flughafen landen. Frau Schneider hatte den Auftrag sie zu empfangen, in den Verlag zu bringen und bei der Präsentation zu dolmetschen. Er kannte Leslie schon etwas länger. Sie war es gewesen, mit der er bei der Übernahme seines Verlages vor gut drei Jahren am meisten zu tun gehabt hatte. Der chinesische Konzern Muqin hao hatte sich den Expertenverlag auf seiner Shopping-Tour durch Europa einverleibt. Seitdem war nichts mehr wie es war. Kein Tag verging, an dem Manfred März nicht entweder Leslie oder sogar eine Delegation der „Mutter“ (wie der Konzern im Verlag genannt wurde) in einer Videokonferenz zu beschwichtigen hatte. Vom ersten Tag an wollten sie Ergebnisse sehen – von ihm! Jetzt, wo es in der gesamten Medienwelt nicht gerade rosig aussah, erhöhte sich der Druck ständig.

Am liebsten hätte Manfred sich für Leitung zwei entschieden und sich in ein Gespräch mit seiner Frau über den anstehenden Urlaub geflüchtet. Doch pflichtschuldig drückte er – nachdem er sich ausführlich geräuspert und den Hörer abgenommen hatte – auf die blinkende Drei: „Hallo? Guten Morgen Frau Schneider“.
Manfred machte sich nicht zum ersten Mal den Vorwurf, dass er bisher nicht einen Brocken Chinesisch gelernt hatte. Alle hatten ihm dazu geraten, aber es war ständig etwas dazwischen gekommen.
„Hallo? Hell Mälz?“ kam es leise krächzend aus dem Hörer.
„Ja. Am Apparat… Frau Schneider, sind Sie es?“
„Ja Hell Mälz. Flau Schneidel. Ich bin klank.“ Manfred hatte das Gefühl, als schlüge ein Blitz in seinen Kopf ein, aber in Zeitlupe – eigentlich war er darauf vorbereitet gewesen, nur noch einige Details für den Tag mit Frau Schneider zu besprechen…
„Wie bitte?“
„Hell Mälz. Sie mich hölen? Ich bin klank – und liege im Bett. Glippe.“
Manfred rang um Worte: „Aber die Delegation! Die Präsentation! Wie soll ich denn jetzt… wie kann ich denn…?“
„Es tut mil fülchtellich leid.“
„Aber, haben Sie denn einen Ersatz organisiert?“
„Elsatz?“
„Ja! Jemand, der heute übersetzen und … oh mein Gott! … der die Delegation vom Flughafen abholen kann!?!“
„Hell Mälz, es tut mil so fülchtellich leid. Ich habe noch einen Schwagel in Blemen, del ist alleldings in seinem Lestaulant. Aber ich könnte anlufen…“
„Frau Schneider, Leslie, lassen Sie es… Ich wünsche Ihnen gute Besserung. Können Sie wenigstens die Delegation benachrichtigen und darüber verständigen, dass Sie heute nicht teilnehmen werden?“
„Die Hellen Cheng, Ni und Zhang sind im Flugzeug. Ich kann sie nicht elleichen… Abel ich könnte eine SMS senden. Wäle Ihnen damit geholfen?“
Manfred März wurde schwindelig. Gut, dass er schon saß: „Ja tun Sie das. Um den Rest kümmere ich mich… Nochmals gute Besserung! Danke.“ Er legte den Hörer auf und starrte wie betäubt auf die noch immer blinkende, zweite Taste an seinem Telefon – seine Frau. Er seufzte. Dann nahm er den Hörer wieder ab und drückte die Zwei:

„Hallo mein Schatz. Tut mir leid, dass es gedauert hat. Aber ich kann jetzt auch nicht sprechen. Die Übersetzerin fällt aus und für so ein wichtiges Gespräch kann ich nicht irgend jemanden nehmen. Eine Katastrophe. Ich muss sofort etwas tun. Sei mir nicht böse. Ich melde mich.“ Und noch bevor seine Frau etwas erwidern konnte, hatte er sie weggedrückt und die Eins angenommen.

„Kruse, hören Sie zu! Erstens: Schnappen Sie sich ein Taxi und fahren Sie damit zum Flughafen. Besorgen Sie sich die Ankunftsdaten der Delegation. Sie müssen einspringen und sie abholen. Leslie Mingfei ist krank und liegt im Bett. Sie fällt heute aus…“
„Aber Herr März. Wie wollen wir das schaffen? Keiner im Verlag spricht chinesisch. Wie wollen wir präsentieren?“ Franka Kruses Stimme klang eine Oktave höher als sonst.
„Egal. Wir ziehen das jetzt durch. Herr Bridge hat doch da seine Präsentation und muss sie dann eben so überzeugen,“ gab Manfred März etwas trotzig zurück.
„Aber die Herren sprechen doch kaum ein Wort Englisch!“ erwiderte Franka. Manfred konnte förmlich hören, wie es in ihrem Kopf ratterte.
„Zweitens: Ich will sofort mit Bridge sprechen. Er muss sich etwas einfallen lassen. Vielleicht kann er den Neuen, den… wie heißt er noch….?“
„Kevin Schmidt?“
„Ja, genau den! Vielleicht kann er sich den noch zur Verstärkung heranziehen. Egal wie, aber wir müssen die Delegation der Mutter überzeugen! Und wenn die beiden ihnen das neue Konzept vortanzen. Mir egal! Veranlassen Sie das“, Manfred knallte den Hörer so heftig auf, dass er selbst erschrak. Doch jetzt war keine Zeit für Irritationen. Jetzt war Management-Talent gefragt.

8:30 Uhr

Wenig später betrat James Bridge das Büro von Manfred März. „James! Mein lieber, lieber James. Da sind Sie ja“, flötete März und reckte ihm seinen wippenden Zeigefinger entgegen.
„Guten Morgen Chef, da bin ich“, entgegnete James in einem ähnlichen Singsang. „Ich müsste da aber eben noch mal schnell was klären…“, er zeigte mit seinem Daumen über die Schulter zurück in den Flur.

„ Natürlich müssen Sie das, James. Und das sollen Sie auch. Ich verstehe Sie vollkommen: Sie sind aufgeregt…“, März grinste und reckte ihm dann in gespielter Kampfpose seine geballten Fäuste entgegen, „… und Sie brennen förmlich darauf in den Ring zu steigen, nicht wahr mein Lieber?“ Noch bevor James etwas erwidern konnte, war März von seinem Sessel aufgesprungen, hatte den großen Schreibtisch umrundet und stand nun vor ihm.

Manfred März war gut zwei Köpfe kleiner als James, was man ihm hinter seinem Schreibtisch allerdings gar nicht ansah: Sein Stuhl sorgte dafür, dass er Normalgröße erreichte. Diesen Umstand nutzte Manfred März weidlich. So verstand er sich nicht nur darauf, seine Mitarbeiter binnen kürzester Zeit in einem Tischgespräch einzuschüchtern – er gab dabei auch noch eine recht stattliche Figur ab. Für gewöhnlich war er dabei immer etwas lauter als die anderen und sprach stets etwas tiefer, als es seine Stimme eigentlich hergab. An hektischen Tagen hörte sich das dann schon mal wie ein laut bellender Kettenhund an.

Dann gab es aber auch Tage wie heute, an denen sich sein gesamtes Chef-Konzept auflöste und Platz zugunsten einer anderen Taktik machte: Dem armen Ich. Dann setzte Manfred den vermeintlichen Nachteil seiner geringen Körpergröße gezielt ein, um das pflichtschuldige Mitleid seiner Mitarbeiter auf sich zu ziehen. In dieser Rolle hatte er ganz offensichtlich seine Meistermasche gefunden. So auch jetzt:

„James, ich sehe doch da was in Ihren Augen…“, hauchte er mehr als dass er flüsterte. Er blickte James so ängstlich an wie ein Hase die Schlange kurz bevor diese zum tödlichen Schlag anhebt. „Da ist doch irgendwas…? Sie machen mir doch nicht kurz vor knapp noch schlapp, Herr Bridge!“, März trat nah an ihn heran, packte ihn am Arm und spähte prüfend in den Flur hinaus. Nichts regte sich.

Hastig zog Manfred März die Tür hinter ihnen zu. „Auf ein Wort, James“, fauchte er ihn an und blickte auf einmal eher wie die Schlange auf den Hasen, während seine Hand James Arm nun noch fester umklammerte. „Frau Schneider fällt aus: Krank. Sie müssen die Delegation mit Ihrer Präsentation allein überzeugen. Bridge, Sie wissen, was heute auf dem Spiel steht? Für den Verlag! Für mich!!! Aber auch für Sie!!!!! Das verstehen Sie doch?“.
James Gesicht nahm langsam einen zitronensauren Ausdruck an und so lockerte März seinen Griff etwas, ließ aber noch nicht los. Er sah ihn eindringlich an und versuchte jede auch noch so kleine Unsicherheit auszumachen. „Kennen Sie die Zahlen, James? Sie wissen, wie stark die Abverkäufe zurückgehen! Der ‚Zuchtstier‘ hat weiche Knie bekommen und den anderen Objekten geht´s auch nicht gerade rosig! Die Anzeigen sind rückläufig – die Mutter wird nervös…!“
James versuchte seinen ängstlichen und zugleich strengen Augen zu widerstehen. „Natürlich weiß ich das. Was meinen Sie, warum ich die ganze Nacht vorm Rechner saß?“, versuchte James sich aus der Defensive zu lavieren.

Jeder im Verlag spürte die Brisanz der Situation. Seit der Übernahme war die Redaktion nicht nur „schlanker“ geworden. Sie bekam wöchentlich auch neue Vorgaben, um den Rendite-Erwartungen der Investoren zu entsprechen. Seit einigen Wochen hatte sich das Klima nun immer weiter verschlechtert. Ein kalter Wind zog durch die Gänge des Verlags und ließ die Mitarbeiter frösteln. Eine nicht enden wollende Anzahl an Meetings und Krisengesprächen war die Folge. Würde man die Zeitschrift einstellen oder gar den Verlag zerschlagen? Niemand wusste es. Würden Köpfe rollen? Mit Sicherheit.

Die Mutter hielt sich, was das betraf, noch bedeckt. Doch verbreitete sie auf sehr subtile Weise Angst und festigte damit ihre Macht. Jeder wusste, dass Manfred März einen Befreiungsschlag versucht hatte, der jedoch fehlgeschlagen war. Jetzt hatte die Mutter überall die Finger im Geschehen. Und sie war nervös – sehr nervös sogar. Es war James gewesen, dem der womöglich rettende Einfall gekommen war.

Tage und Nächte hatte er deshalb an seinem Konzept gesessen, einem Relaunch des Verlagsflaggschiffs: Dem bislang recht auflagenstarken Magazin „Zuchtstier Heute“. Er hatte den „Zuchtstier“, wie er allgemein abgekürzt wurde, quasi neu erfunden und seine Idee könnte positive Auswirkungen auf alle anderen Objekte des Verlages haben. Und heute nun war der große Tag: Der Tag, an dem er seine Idee vor einer kleinen Delegation der Mutter präsentieren sollte: Der „Zuchtstier 2.0“. Die Mutter wollte sich vielleicht sogar live aus Honkong dazu schalten. Die Erwartungen aller Verlagsmitarbeiter waren hoch. Die Anspannung war fast greifbar.

James riss sich los und machte sich gerade: „Herr März, seit fünf Wochen mache ich nichts anderes mehr, als mich auf den heutigen Tag vorzubereiten. Das Konzept steht, die Präsentation ist fast fertig. Alles ist bereit. Es gibt nur noch eine einzige Kleinigkeit…“

James deutete mit Daumen und Zeigefinger einen Abstand von etwa fünf Zentimetern in der Luft an. Manfred wich erschrocken zurück. In Erwartung der Hiobsbotschaft musste er sich mehrmals heftig räuspern. Mit kurzen, flinken Schritten flüchtete er sich rückwärts zu seinem Schreibtisch und lehnte sich an die schwere Metallplatte, als würden ihn die Kräfte verlassen. Mit einer Hand tastete er nach einer Metall-Replik des Wall-Street-Bullen (die Nachahmung in Pekinesen-Größe hatte ihm sein Vorgänger zu seiner Ernennung als Verlagsleiter geschenkt). Fast zärtlich strich er ihr über den kräftigen Rücken, während sich sein eigener zusehends beugte.
„Was gibt es? Schießen Sie los“, März‘ Stimme klang rau und belegt.

James war sichtlich irritiert. Er überlegte, wie er März die Situation möglichst schonend beibringen konnte.
„Ich … wie gesagt – es ist alles fast fertig. Nur ich … Chef … ich müsste noch mal kurz weg …“, James Blick wanderte über den Boden. „Wie bitte?“, März‘ Körper schnellte in die Höhe. Von einem auf den anderen Moment war von seinem angeblichen Schwächeanfall nichts mehr zu sehen. Mit zwei Sätzen war er wieder hinter seinem Schreibtisch und ließ sich auf seinen, seit einigen Tagen noch etwas höher geschraubten Sessel fallen.
„Sie wollen was?“ bellte er James an.
„Weg…“, gab dieser nun um ein vielfaches kleinlauter zurück. Manfred pumpte noch etwas mehr Luft in sich hinein: „Sie sind doch eben gerade erst gekommen!“
„Aber mein Hund Bella ist weg! Ich muss sie irgendwo da draußen… ich weiß auch nicht wie … ich kann sie doch nicht …“, brach es nun aus James heraus.

„Was können Sie nicht? Ich glaube ich höre nicht richtig!“, redete sich März nun in Rage. Und je verzweifelter James wurde, desto lauter wurde März. „An jedem anderen Tag wäre das kein Problem, das wissen Sie – Herr Bridge. Aber heute?!? Ich habe Ihnen doch eben lang und breit erklärt, was auf dem Spiel steht. Und Sie wollen jetzt weg, sich um ihre Privatangelegenheiten kümmern und Ihren Job vernachlässigen!?!“ James wich unbewusst einen Schritt zurück, in Richtung der rettenden Tür. Noch einmal setzte er zu einer Erklärung an:
„Aber Herr März, es dauert nicht lange. Ich bin sofort wieder zurück. Sie werden sehen. Sie können sich auf mich verlassen“, kam es jetzt immer flehender aus James heraus.

März war nun wieder ganz in seiner Chef-Rolle. Er schüttelte seinen rot angelaufenen Kopf so heftig, dass man beinahe befürchten musste, er würde jeden Moment von seinem Körper herunterfallen. Selbst der Bulle auf dem Schreibtisch wackelte mit. „Wenn Sie jetzt gehen, Bridge, wird das Konsequenzen haben! Kon-se-quen-zen!“, er betonte jede Silbe, um James die Tragweite seiner Entscheidung klar zu machen.
„Ich verspreche Ihnen: Die Präsentation findet statt und sie wird ein großer Erfolg!“, James versuchte Optimismus und absolutes Selbstvertrauen auszustrahlen. In einer verzweifelten schauspielerischen Anwandlung reckte er beide Daumen in die Höhe und grinste dabei wie ein Volltrottel.
„Versprochen!“, James schob einen Daumen noch etwas höher, während er die Tür mit der anderen Hand aufzog und sich rückwärts aus dem Raum lavierte. Hastig schloss er die Tür und war verschwunden.
„Das gibt´s doch nicht…“ März ließ sich entkräftet auf seinen Sessel sinken. Bis eben hatte er noch an eine Lösung geglaubt – und daran, dass seine Mitarbeiter ihn nicht im Stich lassen würden. Und auf einmal saß er ganz alleine da – mit dem Rücken an der Wand.

 

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Katrin Klemm

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