DIE KERNFORSCHER

Ruth Betz Kleine Hacks für erfolgreiche Führung im digitalen Zeitalter Kapitel 3: Don´t feed the Troll! 8. März 2016

Franka hörte einen schrillen Schrei und erschrak. Er kam aus dem Empfangsraum und ganz offensichtlich von Lesli Mingfei Schneider. Sofort ließ sie alles stehen und liegen, sprang von ihrem Stuhl auf und rannte an den Tischen vorbei durch den Social-Media-Raum zur Tür. Als sie sie aufriß, bot sich ihr ein verwirrendes Bild: Sie sah einen jungen Mann mit Trainingsjacke, der gerade einen Gitarrenkoffer abstellte – wollte er etwa spielen? Daneben hockte James und umarmte wieder und wieder Mr. X, seinen Hund. Neben ihm stieß Lesli Mingfei eine Kaskade kleiner Schreie aus. Weinte sie? “Sie ist wieder da”, rief James ihr zu. Franka begriff noch immer nicht: “Sie?” “Ja, del Hund von Mistel Blidge! Bella!”

Franka trat einen zaghaften Schritt auf das Tier zu, das sie treu ansah. Und als sie in das Gesicht des Fremden schaute und darin eine Mischung aus Erstaunen und schmerzhafter Erkenntnis ausmachte, ahnte sie, was sich hier gerade abspielte. Dem aufgelösten James zugewandt fragte sie: “Etwa, DEINE Bella? Die, die im Winter weggelaufen ist…?” “Ja”, kam es erstickt hervor: “Meine Bella. Sie lebt! Und ihr geht´s gut, oder?” Er blickte auf. Der Blonde, der langsam aus seiner Erstarrung erwachte, antwortete zögernd: “Ja! Äh. Ihr geht es gut. Natürlich”. Er überlegte laut: “Bella? Ach ja, Bella! Ich erinnere mich”. Sein Gesicht hellte sich auf: “Sie sind der Mann von der Straße! Aus der Fußgänger-Passage! Der den Hund gesucht hat, der Besitzer”.

James, der seine Tränen nicht zurückhalten konnte, nickte: “Ja, ich erinnere mich. Aber ich, … aber warum…” “Warum ich nicht zu Ihnen gekommen bin, mit dem Hund?” “Ja!”, schniefte James. “Ich wusste nicht, wo ich Sie finden kann. Und es war doch so kalt… Ich habe den Hund im Park gefunden. Im Gebüsch”, erklärte der junge Mann. “Ich war noch zweimal in der Passage, hab Sie aber nicht mehr gesehen”. James schluckte: “Sie hätten sie doch zur Polizei bringen können. Ins Tierheim oder sonst wohin, damit ich sie zurückbekomme. Ich habe sogar bei Facebook nach ihr gesucht”, James wurde immer lauter.

Langsam wuchs spürbarer Ärger aus der Wiedersehensfreude, sein Gesicht wurde immer röter, er schnaubte heftig. Franka griff rasch ein, bevor es aus James herausbrach: “Hallo, ich bin Franka. Wieso sind Sie überhaupt hier?”, wollte sie von dem Unbekannten wissen. “Wegen der Technik. Alois, ähm, Herr Bär meinte, dass Sie Probleme haben und da bin ich gleich gekommen. Ach so, meine Name ist Florian. Florian Goldzin!” Franka legte James eine Hand auf die Schultern, um ihn zu beruhigen und redete ruhig auf ihn ein: “James, jetzt ist sie doch wieder da. Und Herr Goldzin hat es doch nur gut gemeint”. Tatsächlich schien sich James zu beruhigen. Nie hätte sie gedacht, dass er zu so einem Gefühlsausbruch fähig wäre. Doch gerade seine unerwartete Verletzlichkeit bewegte ihr Herz…

10:40 Uhr

“Egal um welches Technikproblem es sich da oben handelt – es will schnell gelöst werden, oder?” Franka klopfte James aufmunternd auf die Schulter und lächelte Florian freundlich zu. Mingfei brachte James ein Taschentuch (in rosa), das er dankend ablehnte. “Du hast ja recht, Franka…”, brummte er. “Ich sollte glücklich sein. Tut mir leid. Und danke, dass Sie sich so gut um Bella gekümmert haben. Ich… ach, was bin ich wieder britisch…”, und kurzerhand umarmte er Florian, obwohl das sonst nicht so seine Art war. “Nennen Sie mich einfach Flo”, erwiderte der ein bisschen verdutzt. Bella hatte sich während alledem recht gefasst verhalten. Sie hatte James ein paar Mal das Gesicht geleckt, tüchtig mit dem Schwanz gewedelt, herzhaft gegähnt, die Unterhaltung beobachtet und sich dann einfach hingelegt. So wie es nun mal ihre Art war.

“Gut. Dann gehen wir jetzt nach oben, zur Technik. Franka, kommst Du mit?”. James und ging schon mal vor, Richtung Treppenhaus. “Gern”, antwortete Florian und die Vier machten sich auf den Weg. “Die Gitalle können Sie hiel bei mil lassen. Del passielt nichts”, bot Mingfei ihm an und wischte sich nun selbst einige Tränen mit dem Taschentuch aus dem Gesicht. Es ging nach oben. Erst James, dann Florian und Franka, gefolgt von der immer noch schwanzwedelnd trottenden Bella, die sich im Studio bewegte, als wäre sie nie woanders gewesen.

Am großen Fenster gegenüber der Technik blieben sie stehen. James deutete ins Studio und erklärte das Nötigste: “Das da hinten am Moderationstisch ist Dan Martin. Und die beiden anderen sind Gaetana und Mads, die Kameras. Ab 11 Uhr – also in 5 Minuten – wollen wir senden. Ich kann Dir später alles zeigen, aber jetzt müssen wir schnell die Probleme loswerden! Danke, dass Du hilfst, Flo”. Er drehte sich um und wies Florian den Weg zum Technikraum, wo Rudy und Curtis schon warteten. Doch bevor Florian ihm folgte wollte er noch wissen: “Und wer ist das? Da hinten, auf der Couch? Sieht ja genauso aus wie Bella!” Franka beugte sich etwas vor, um im Schummerlicht besser sehen zu können: “Ups, das ist Mr. X, James neuer Hund… der gehört jetzt gar nicht dahin!” Und wie auf ein Kommando wachte Mr. X auf, streckte sich und sah zu ihnen herüber. Er wedelte mit dem Schwanz, weil er wohl James erkannte. Doch dann hielt er inne und fing das erste Mal, seit Franka ihn kannte, an zu bellen.

“Aber, er kann Bella doch gar nicht sehen…”, stellte James fest. Doch es gab keinen Zweifel. Irgendwie hatte Mr. X gespürt, dass da noch ein Hund war und vielleicht auch, dass seine ruhige Zeit als Einzelhund womöglich zu Ende war. Er bellte und bellte und wollte gar nicht mehr aufhören. Dan gab ihnen ein Zeichen, dass er sich so nicht konzentrieren konnte. Er fuchtelte wild mit den Händen, um ihnen zu signalisieren, dass sich jemand um Mr. X kümmern solle. “Oh, das kann ja noch was geben. Hoffentlich können die sich riechen”, sagte Franka vorsichtig, um James und Florian nicht zu verunsichern: “Augenblick ich suche mal nach Jenny, die kann gut mit Hunden…”. Damit rannte sie los.

Sie fand Jennifer Reed unten im Panic Room. Dort hatte sie mit ihrem Freund telefonieren wollen und sich vorhin dafür bei ihr abgemeldet. Franka hatte schnell erklärt, worum es ging. “Bitte mach schnell!”, feuerte sie sie an. Gemeinsam sprinteten beide wieder nach oben.

10:59 Uhr

Gleich würde der Sendebetrieb starten. Mit einer Stunde Verspätung. Franka hatte ihr Team angewiesen, sich auf allen Kanälen – Facebook, Twitter und YouTube – für die Verzögerung zu entschuldigen. Auf ihrer Website war ein großer Sorry-Banner eingeblendet. War nicht optimal, aber anders ging es nun mal nicht. Jennifer schlich ins Studio, unsichtbar für die Kameraugen. Sie schaffte es, den bellenden Mr. X einzusammeln, der auf einen Stuhl in der Talk-Ecke gesprungen war, um besser durch die Scheibe nach draußen sehen zu können. Sie hielt ihm die Schnauze zu, was er gar nicht gut fand, klemmte ihn unter den Arm und verließ das Studio in dem Augenblick, als Gaetana Dan das Zeichen gab: “Hallo Everybody…”, hörte sie noch, dann fiel die schwere Schallschutztür hinter ihr zu. “Alles okay?”, flüsterte Franka, obwohl man es drinnen natürlich nicht hören konnte. “Alles okay! Ich nehme ihn mit nach unten”, antwortete Jennifer und zog Mr. X den Gang entlang. “Danke. Übrigens: Hundekekse gehen immer!”, rief Franka ihr nach und hastete weiter zur Technik. Sie wollte wissen, was sie den Zuschauern sagen konnte. Zum Glück schien das Netzwerk stabil und seither war auch kein Rechner mehr abgestürzt. “Hallo Jungs, was ist?”, erkundigte sie sich als sie in dem kleinen, dunklen Raum angekommen war. “Wir wissen noch nichts. Flo guckt gerade”, antwortete Curtis. Zusammen mit Manfred, James und Rudy stand er neben Florian, der an einem Rechner saß und in Windeseile irgendwelche Codezeilen eingab. Zwischendurch stieß er besorgniserregende Geräusche aus: “Oh man!” und “Jesus!” oder “Dachte ich mir´s doch!” “Ist mit Mr. X alles in Ordnung?”, wollte James wissen. “Ja, keine Sorge, Jenny hat ihn. Und Bella?” “Die liegt dort drüben und schläft”, gab er zurück. Da entdeckte sie Bella, die sich auf einer Jacke niedergelassen hatte, die womöglich Rudy gehörte und ihr ausreichend Platz bot.

Florian atmete tief durch, dann fragte er Rudy: “Wie seid Ihr gesichert?” “Wie meinst Du das? Hacker-technisch?”, fragte Rudy zurück: “Ähm, ich glaube wir haben da so eine Netzwerk-Software, ein…” “Virenschutzprogramm!”, mischte sich Curtis ein. “Ja genau, auf allen Servern.” “Puh”, kam es von Florian und jetzt wandte er sich an James: “Ich glaube, Ihr seid nicht allein hier!” “Uh, das hört sich ja gruselig an”, scherzte Franka, doch niemand mochte darüber lachen. “Nicht allein?”, hakte Manfred nach. “Ja, ihr werdet gerade gehackt. Ist Euch etwas Seltsames aufgefallen? Gibt es seltsame Phänomene im System?” “Allerdings!”, polterte Rudy und erzählte ihm vom Technikstress, der irgendwann in der Nacht begonnen hatte.

“Aber wer könnte denn? Wer sollte bloß…?”, stocherte Franka. “Ich weiß schon wer!”, sagte Manfred und James nickte mit dem Kopf. “Ihr meint doch nicht etwa”, Franka mochte es gar nicht aussprechen. “Doch, ich bin mir sicher…”, James Augen wurden zu schmalen Schlitzen: “Das sind die von Míngrì!” Rudy atmete tief durch und nahm sich einen Nussriegel: “Flo, kannst Du was dagegen machen?” Florian Goldzin sah sich um. Er schaute einen Moment gedankenverloren zu James, einen weiteren besorgt zu Franka und zum Schluss zu Bella. Dann nickte er langsam mit dem Kopf: “Kann ich”. “Du kennst Dich mit so was aus?”, wollte Manfred wissen. “Ja, ein bisschen, ich habe mal als Hacker gearbeitet.” “Gearbeitet?”, Franka war erstaunt. “Bin dann aber ausgestiegen. Nicht meine Branche. Wollte lieber Musik machen”, fügte er schnell hinzu. “Sympathisch” beeilte sich Rudy. “Krass!” meinte Curtis. “Na, dann mal los”, ermunterte ihn Manfred, “ dann zeig mal was Du drauf hast”.

11:11 Uhr

Während sich Florian wieder in den Bildschirm vertiefte, gingen die anderen nach draußen und standen nun wieder vor der Glasscheibe. Über einen kleinen Lautsprecher konnten sie den Sendeton hören. Sie schauten zu Dan, der gerade gähnte. “Habt Ihr das gesehen?”, fragte Franka. “Der ist gerade mal ein paar Minuten auf Sendung und scheint von seiner eigenen Moderation gelangweilt”. “Ach, kann doch mal vorkommen”, spielte James den Patzer runter. Doch sie hörten etwas genauer hin…

“Und sie dann so voll: Boäh! Aber meine Sorge soll das nicht sein. Ich bin ja nur der kleine Moderator mit der Mütze”, kam es aus dem Lautsprecher. Franka, James, Manfred, Rudy und Curtis hielten den Atem an. “Was redet der da?”, fragte Curtis nach. Obwohl ihn alle gut verstanden hatten. “Heute ist also der Tag, wo wir auf Sendung gehen. Ein bisschen später als geplant, hi hi hi”, ging es weiter. “Na, ähm, ach ja,… PocketStreamingTV, also wir, machen Fernsehen im Internet und so. Und zwar 24 Stunden, rund um die Uhr. Und Ihr könnt auch mitmachen! Bei uns geht es nicht um Katzenvideos. Wir bei PS-TV fragen nach und gehen den Dingen auf den Grund…” Dan gähnte noch mal und ließ sich auffallend viel Zeit. “Guckt mal! Der gähnt schon wieder!”, bemerkte Rudy. “Vielleicht ist er müde? War ja auch eine anstrengende Nacht…”, versuchte sich Curtis die Sache zu erklären. “Aber doch nicht in dem Moment, wo er erklärt, was wir hier machen”, meinte Manfred. Einhelliges Nicken von allen. “Der hält sich gar nicht an das Script. So geht das nicht…”, James war fassungslos. “Ich guck mal, wie die Zuschauer reagieren”, rief Franka aus, eilte davon und ließ die Männer zurück.

Sie stürmte die Treppen hinunter, durch den Empfang und in den Social Media-Raum hinein. Als hätten die drei Praktikantinnen schon sehnsüchtig auf sie gewartet, kamen sie auf sie zugerannt. Franka blickte in drei kreideweiße Gesichter. “Da bist Du ja, Franka. Hier geht alles drunter und drüber!”, übernahm es Wanda, die älteste der drei, Franka die Situation zu erklären: “Schon kurz vor der Sendung wurde es richtig voll in den Streams. Die Leute kommentieren wie verrückt!” Wanda schüttelte den Kopf: “Und die sind so was von schrill”. “Was meinst Du damit?”, hakte Franka nach. “Na, es ergibt keinen Sinn”, antwortete an ihrer Stelle Nia, ihre jüngere Schwester. “Ja”, bestätigte Wanda: “Die einen schimpfen ein bisschen, weil wir erst so spät begonnen haben. Normal. Die haben nur Langeweile. Aber die anderen posten dauernd Quatsch. Vollkommen aggressives und oft auch zusammenhangloses Zeug”. Die dritte Praktikantin, die erst heute dazugestoßen war und deren Namen Franka im Moment nicht einfiel, nickte nur. “Ja, die schreiben immer was von Dan und Míngrì oder so. Ich weiß auch nicht was das soll. Was is´n das?” Die Drei kannten die Vorgeschichte nicht, wussten nicht, dass einer ihrer ehemaligen Mitarbeiter, Kevin Schmidt, ihr Konzept an die Konkurrenz verscherbelt hatte. Ein chinesisches Unternehmen, das ihn auch gleich abgeworben hatte: Míngrì.

“Zeigt mal”, bat Franka. In diesem Moment erschienen Manfred, James und Rudy. “Was ist los? Ihr guckt so komisch”, James Stimme wurde langsam heiser, es klang bedrohlich. “Ist Bella noch oben? Nicht dass die noch Streit bekommen”, fragte er. “Die ist bei Flo”, antwortete Rudy. “Und Mr. X?” “Im Panic-Room, mit Jenny”. “Also, wie ist der Stand?” Franka versuchte die Dinge zu ordnen.

“Es ist gleich 11:17 Uhr. Dan redet, als hätte er was eingeschmissen.”, berichtete Manfred. “Wie ein fünfzehnjähriger Bub”, meinte Rudy. “Da hat sich also irgendjemand in unser Netzwerk gehackt und stört das System. Der könnte sonstwas anstellen. Ein Glück, dass Flo hier ist. Er versucht ihn loszuwerden”, krächzte James. “Hoffentlich gelingt das, ohne das System runterzufahren”, meinte Rudy. “Na, das passt ja…”, fing Franka an. “Was, bei Dir gibt es auch Störungen?”, fragte Manfred. “Allerdings, die Mädels erzählen gerade, dass wir nach und nach gekapert werden. Irgendwie hat das mit Dan zu tun”. “Das sind Trolle”, stellte Rudy fest. “Oh, meine Güte. Don´t feed the Troll”, James war fast nur noch ein kratziges Hauchen. “Super, was? Und jetzt kommt‘s: Haltet Euch fest…”, machte eine Kunstpause und grinste sie die anderen an. “Was?”, wollte Manfred wissen. “Er hat wohl vor kurzem erst bei diesen Míngrìs moderiert”, platzte Wanda heraus, die auf den Facebook-Monitor starrte. “Schaut”.

Alle liefen zu Wandas Rechner und blickten auf den Monitor. Irgendjemand hatte bei Facebook ein kurzes YouTube-Video gepostet. Es zeigte eindeutig Dan Martin, wie er sich auf einem Míngrì-Kanal mit einer Winkekatze unterhielt. Mit blau gefärbtem Bart. “Das ist skurril”, kommentierte Wanda. “Von wann ist das Video?”, fragte Franka, obwohl sie es selbst sehen konnte. “Von letzter Woche”, sagte Wanda. “Aber das heißt doch, dass…”, Nia vollendete den Satz nicht.

“Ja, genau, dass heißt, dass wir ihn da sofort da rausholen müssen!”, brachte es Manfred auf den Punkt.

 

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