DIE KERNFORSCHER

Portrait: James Bridge Kapitel 12: Träume und Schäume 22. April 2014

Der Fahrzeuginnenraum nahm langsam aber sicher den Geruch des nassen Hundes an. Trotzdem unterließ es Walter Frese tunlichst, ein Fenster zu öffnen. Hier hatte er sich gegen Mary durchgesetzt. Das Tier schlief noch immer. Hin und wieder zuckte es mit den Hinterläufen und einmal bellte es sogar mit geschlossenem Maul. James streichelte beruhigend das Fell. Die Ähnlichkeit mit seiner Bella war wirklich verblüffend. Selbst die Maserung schien identisch. Und dieser Hund war wohl auch ähnlich alt, denn um seine geschlossenen Augen herum waren die Haare bereits ergraut.

James dachte nach. An diesem Tag war alles komplett anders gelaufen, als er es sich ausgemalt hatte. Doch trotz der geballten Ladung an Überraschungen, trotz der Extraportion Stress, trotz des riesigen Reinfalls den er wohl gleich bei der Präsentation erleben und seinen Kollegen bereiten würde, hatte er die ganze Zeit nur einen Moment vor Augen: Den Kuss, den er Mary vorhin im Schneesturm gegeben hatte. Diesen Kuss, und seinen Befreiungsschlag. James hatte allein entschieden und war bereit, Verantwortung zu übernehmen.

„Sabbert die Töle noch?“ James wurde von der knurrigen Stimme von Walter Frese aus seinen Gedanken gerissen. „So lassen Sie ihn doch einen Moment in Ruhe. Er muss sich konzentrieren.“ Mary schaute kurz strafend zu Walter herüber und als dieser nachsetzen wollte, unterbrach sie ihn ganz einfach mit einem lauten „Bitte!“ Walter Frese schaute wieder auf die Straße. Die Augen fast zusammengekniffen. Man konnte ihm die Anspannung förmlich ansehen.

James beugte sich leicht vor und schaute unauffällig zu Walter herüber. Er sah ihn sich das erste Mal richtig an: Sein Nachbar mochte in etwa so alt sein wie seine Mutter. Vielleicht etwas jünger. Er trug seinen Rest blonder Haare sauber gescheitelt, einen grauen Troyer, der am Bauch leicht spannte. Dazu Jeans und bequeme Schuhe, die eigentlich zu dünn für das Wetter waren. Sein Gesicht war rund, und hatte diese Apfelfrische, um die ihn manche Männer jenseits der fünfzig sicher beneideten. Er sah gesund aus, aber stets etwas wehmütig, unglücklich, ja manchmal sogar gequält. James hatte es aufgegeben herauszufinden, warum. Mit etwas Fantasie, Wohlwollen und ein paar gut gemeinten Klamotten-Tipps, könnte man gewiss etwas nachhelfen, dachte James und erschrak. Einerseits über seine eigene Arroganz, andererseits über die seltsamen Wendungen seiner Gedanken, die – was er sich nicht ernsthaft ausmalen mochte – irgendwo bei Mary enden würden.

Endlich hielt der Wagen vor dem Verlagsgebäude. Es war 15:41 Uhr. „Jetzt aber los“, rief Mary ihm zu. „Augenblick…“. Sie ging nach draußen, um dann die hintere Tür des Fahrzeugs zu öffnen: „Ich nehme den Hund!“ „Aber Mum!“ „Keine Widerrede!“, rief Mary, doch sie korrigierte sich umgehen: „Du willst doch nicht mit dem schlafenden Hund auf den Armen nach oben?“ Der Befehlston war aus ihrer Stimme völlig verschwunden und hatte mütterlicher Wärme und Zuversicht Platz gemacht. Mary setzte sich neben ihn auf den Rücksitz. „Äh, nein.“ James übergab das Tier und stieg aus. „Herr Frese, ich…“. „Nun machen Sie schon Bridge. Ich weiß zwar nicht worum es geht, aber Sie werden es denen schon zeigen. Ihre Frau Mutter und ich passen derweil auf den Hund auf, nicht wahr?“ Walter Frese schaute nach hinten zu Mary. Seine Wangen waren mehr als rosig, rosiger als ihre rosa Jacke. „Ja, James. Mach Dir keine Sorge. Und wenn Du fertig bist, dann suchen wir Bella!“

  15:43 Uhr

James war aufgewühlt, als der Fahrstuhl kam. Die Treppe hatte er dieses Mal nicht genommen. Dazu fehlte ihm die Puste. Er wusste, dass die nächsten Minuten dramatisch werden würden. Jetzt hatte er für seine Entscheidung einzustehen. Jetzt würde er die Konsequenzen tragen müssen. Wahrscheinlich würde es auf eine Kündigung hinauslaufen. Doch irgendwie beschäftigte ihn das alles gar nicht so sehr. Irgendwann heute, James hätte gar nicht sagen können wann, hatte es einen Bruch gegeben. Einen Moment der Wende, einen Augenblick, der ihn verändert hatte. Als James darüber nachdachte, stellte er fest, dass es nicht die Job-Angst war, die an ihm nagte. Nicht das Versagen, nicht einmal die Enttäuschung, die er seinen Kollegen, seiner Mutter oder sich selbst bereiten würde. Irgendetwas war anders. Er konnte es nicht genau bestimmen. Doch ihm war, als ob er eine neue Seite an sich entdeckt hatte – oder vielmehr eine alte, längst verschüttete wieder ausgegraben hätte.

Der Fahrstuhl hielt. Die Gänge der Redaktion waren wie ausgestorben. James atmete tief ein. Da hörte er leises Gemurmel aus einiger Entfernung. Er schaute an sich herunter. Seine gesamte Jacke war mit Hundehaaren übersät. Er zog sie aus und ließ sie einfach zu Boden gleiten. Ihm fiel die Kombination ein, die bei ihm im Büro hing, doch zum Umziehen war es jetzt zu spät. Als nächstes nahm er den Hundegeruch wahr. Aber auch an diesem war jetzt nichts mehr zu ändern. James strich sich die Haare glatt, dann machte er sich auf den Weg. Als er um die Ecke des Ganges zum Konferenzraum kam, traute er seinen Augen kaum. Dort stand die gesamte Belegschaft und lauschte.

„Herr Bridge“, flüsterte ihm eine Praktikantin aus der Grafik aufgeregt zu. „Ich glaube, man wartet schon auf Sie.“ James nickte ihr und den anderen Anwesenden zu. Dann öffnete er die große rote Glastür.

15:45 Uhr

James war, als würde er eine Zirkusmanege betreten. Der Konferenzraum war etwas abgedunkelt. Der Beamer warf eine Präsentation auf die Wand. Rechts unten sah James einen roten, dreidimensionalen Stier, der mit dem Kopf nickte. In der Mitte – ebenfalls in Rot – nur ein einziges Wort: „Sustainability“. Irgendwo aus den Lautsprechern erklang asiatische Musik. Der Rest des Raums versank im Zigarettenrauch, der sich in nebeligen Schwaden über dem Konferenztisch gesammelt hatte. Es stank gewaltig. „Bestens“, dachte James, denn dieser Gestank war eindeutig stärker als der eines nassen Hundes.

Vor der Leinwand stand Kevin Schmidt. Mit einen Laserpointer umkreiste er gerade das Wort auf der Folie. Seltsamerweise hielt er ein Telefon an sein Ohr. Mit offenem Mund starrte er nun James an. Am Konferenztisch saßen drei Chinesen. Einer von ihnen hatte einen gefüllten Aschenbecher vor sich stehen und war gerade dabei, eine neue Zigarette anzuzünden. Ein anderer saß vor einer Anzahl von Origamivögeln, die er immer wieder minutiös in Reihen ausrichtete. Der Dritte telefonierte anscheinend leise.

„JAMES! ENDLICH!“ Manfred März, der etwas gebraucht hatte, um die Situation zu erfassen, sprang auf und warf aus einem Impuls heraus die Hände in die Luft wie ein Fußball-Fan beim entscheidenden Tor in der Nachspielzeit. „Kommen Sie. Kommen Sie.“ Hastig dirigierte er James nach vorne, vor die Leinwand. Dabei drängte er Kevin Schmidt einfach beiseite. „Herr Schmidt, bitte geben Sie durch: Unser lieber Herr Bridge ist da! Wie gesagt, war er wegen einer dringenden, äh…, Familienangelegenheit aufgehalten worden. Jetzt wird er übernehmen!“ Manfred März nickte erst Kevin Schmidt, dann der Delegation erwartungsvoll zu.

„Aber, ich…“, versuchte Kevin zu protestieren, wobei er eine Hand vor sein Handy hielt, um es abzuschirmen. „Ich bin doch mittendrin.“ Manfred März zuckte nervös mit den Augen, ohne aber sein herzliches Lächeln zu verlieren. „Schmidt, bitte geben Sie das auf der Stelle Leslie Mingfei durch!“ Seine Stimme signalisierte, dass er keinen Widerspruch mehr duldete. „Los!“, zischte er und Kevin Schmidt, wiederholte die Worte in sein Handy. Es dauerte ein paar Sekunden, dann hatte es die Dolmetscherin dem jungen Herrn Ni übersetzt. Dieser gab es an die beiden anderen weiter. „Eine Katastrophe“, zischte Manfred März leise, so dass es nur James und Kevin hören konnten.

„Also, mein lieber Herr Bridge“, sprach Manfred März jetzt laut, mehr an die Delegation als an James gerichtet, „legen Sie los“ . Wortlos drückte Kevin James Laserpointer, Fernbedienung und Handy in die Hand. James verharrte kurz und nahm dann seine Präsentationshaltung an. Er schaltete zur nächsten Folie. Wieder nickte der Stier mit dem Kopf und ein neues Wort erschien: „Credibility“. Währenddessen setzte im Hintergrund zur Musik noch ein leises Wasserplätschern ein… James sah zur Folie. Dann wanderte sein Blick zurück durch den Raum. Er entdeckte Franka Kruse, die mit einer eingefrorenen, aber zuversichtlichen Grimasse am Tisch saß. Und Frank Schlechter, der errötete, als ihre Blicke sich trafen. Alle grinsten. Alle, bis auf die drei Chinesen. Sie sahen aus, als hätten sie es hier mit etwas zu tun, das sie nicht durchdringen konnten. Etwas, das gänzlich abseits ihrer Vorstellungswelt angesiedelt war.

„Ähm… Glaubwürdigkeit… ja… Glaubwürdigkeit ist in unserem Leben, in der modernen Welt von heute…“, James sah zu Manfred März herüber, der heftig schwitzte und jetzt mit seinem Kopf nickte, mindestens doppelt so schnell wie der Stier in der Animation. Dabei blinzelten seine Augen unaufhörlich.

James hörte, wie Leslie Mingfei Schneider übersetzte. Und während er ihren Worte lauschte, war es ihm, als würde irgendetwas seine Kehle zuschnüren: „Ich kann nicht.“

Außer dem Plätschern war nichts zu hören. Alle dachten wohl, es handle sich um eine rhetorische Kunstpause. Doch als nichts mehr folgte, wurde es unruhig – zumindest bei seinen Kollegen. James sah, wie sich die Konferenzraumtür einen Spalt öffnete und jemand in den Dunst trat, um gleich darin zu verschwinden. Die Person hustete heftig. „Mum?“

Nun überschlugen sich die Ereignisse. Aus irgendeinem Grund stand Mary im Raum. Hinter ihr Herr Frese. James spürte etwas an seinem Hosenbein und sah verstört nach unten. Der Hund! Und richtig, seine Mutter hatte den Hund mitgebracht. James hatte keine Ahnung, wie sie auf eine derart verrückte Idee hatte kommen können. Rache? Weiter kam er nicht, denn das Bella-Double brachte die mit Mühe aufrecht erhaltene Kulisse nun endgültig zum Einsturz. Was man wörtlich nehmen konnte.

„BRIDGE. SCHAFFEN SIE IHREN HUND HIER RAUS!“ Manfred März verlor nun jegliche Contenance und war nur noch ein augenzuckendes, mit dem Kopf nickendes, schwitzendes Bündel Elend mit knurrendem Magen. „Könnten Sie das bitte noch einmal wiedelholen? Sie müssen lichtig betonen!“ James hörte Leslie Mingfei Schneiders Stimme durch das Handy, doch bevor er etwas sagen konnte, verfiel sie wieder ins Chinesisch. Chaos! Das steigerte sich noch, als der Hund, den James eben noch gebändigt hatte, humpelnd unter dem Konferenztisch verschwand. Wie von der Tarantel gestochen, sprangen nacheinander Herr Cheng, Herr Ni und dann Herr Zhang in die Höhe. Und zum ersten Mal wurden sie wirklich laut. Insbesondere der dicke Herr Cheng schien es dem Tier angetan zu haben, denn er humpelte schwanzwedelnd auf ihn zu. Der lief daraufhin jedoch einmal um den halben Tisch, blieb vor Manfred März stehen, packte ihn und benutzte ihn vor dem freudig heranwackelnden Hund als Schutzschild. Dabei stieß er mädchenhaft hohe, spitze Schreie aus.

James brauchte ungefähr fünfzehn Sekunden, bis er sich gefangen hatte. Zeit genug, damit sich das Chaos zu einem Riesenchaos steigern konnte: Mittlerweile standen alle herum, schrien, gestikulierten, packten sich gegenseitig an der Kleidung. Irgendwo riss Stoff. Der Hund bellte. Und dazwischen – man mag es gar nicht glauben – stand Herr Frese und lachte. Er lachte so laut, dass er fast den gesamten Tumult übertönte.

„STOP! AUFHÖREN! ALLE!“ James schrie so laut er konnte – lauter, als er es selbst vermutet hätte und tatsächlich: Mit einem Mal kehrte im gesamten Raum Stille ein. Nur noch das Wasserplätschern der Präsentation war zu hören. Selbst der Hund schien sich ertappt zu fühlen, humpelte zu James und drückte sich Schutz suchend an seine Beine. „Ich weiß nicht, was in Euch alle gefahren ist. Ich weiß nicht, was wir hier tun und wo es hinführt. Ich weiß nur, dass ich das nicht dulden kann!“

Manfred März hob an, um ihn zurecht zu weisen – was bildete sich dieser James ein? Doch als er seinen Blick sah, blieb er lieber still. „Leslie? Können Sie mich hören?“ fragte James in das Handy hinein. „Ja Mistel Blidge.“ „Gut, dann übersetzen Sie!“ James rief herüber zur Tür, durch deren Spalt er wenigstens fünf verängstigte Augenpaare wahrnahm: „Sie da draußen im Flur. Kommen Sie rein. Das betrifft uns alle.“ Nach und nach schoben sich noch weitere zwölf Mitarbeiter in den Raum. Alle sahen ihn an. Alles wartete. Und James wandte sich an die gesamte Gruppe und begann ganz ruhig zu sprechen.

„Sustainability. Nachhaltigkeit. Ich kann dieses Wort schon nicht mehr hören. Kevin, nichts für ungut, aber das was wir hier heute tun wollten hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.“ James machte eine kurze Pause. „Wir sind hier zusammengekommen, um über die Zukunft unseres Magazins zu sprechen und ganz nebenbei auch über die Zukunft des Verlages. Ich habe mich seit Wochen auf diesen Tag vorbereitet und wollte Ihnen, werte Herren, erklären, wie wir die Zahlen verbessern, noch folgsamer sein und uns für Sie verbiegen können. Nur, damit Sie beruhigt nach Hause fliegen und von noch größeren Gewinnen träumen.“

„Dieser Mann hier“, James zeigte auf Manfred März, „hat sich seit Monaten hinter uns gestellt und so getan, als sei es eine Frage der Ehre, für Ihren Konzern das Beste herauszuholen – aus uns Mitarbeitern, aus den Kunden, aus der Beziehung zu muqin hao. Er hat uns nicht gesagt, dass Sie uns ausquetschen wollen wie saftige Zitronen. Er hat uns nicht gesagt, das unsere Wünsche und Hoffnungen nicht zählen. Hat uns nicht gesagt, dass er bei diesem Spiel seelisch und gesundheitlich fast in die Knie gegangen ist – für uns…“ James begann immer schneller und lauter und vehementer zu sprechen. „Bitte nicht so schnell splechen“, Leslie wagte nur zu flüstern, dann übersetzte sie wieder.

„Und diese Frau hier“, James zeigte auf Franka, „hat in dieser Zeit nichts anderes getan, als es Ihnen Recht zu machen und unseren Chef bei diesem Wahnsinn unterstützt. Sie kam meist als Erste und ging als Letzte. Und das, obwohl sie eine kleine Tochter zuhause hat, für die sie alleine sorgen muss.“

„Und dieser Herr dahinten“, jetzt zeigte James auf Frank Schlechter, dessen Kopf gleich noch roter wurde, „hat die gesamte Last der Zahlen auf seinen Rücken getragen. Zahlen, die Sie in Ihrer grenzenlosen Gier am liebsten täglich erhöht hätten. Er hat nicht gemurrt, ist ruhig geblieben, obwohl er – wer kann es ihm verdenken – in ständiger Angst lebt, dass Sie ihn dafür abstrafen. Er hätte weiß Gott Grund gehabt sich zu beschweren. Und ich“, James schluckte, „hätte ihn dabei unterstützen müssen, denn ich bin sein Freund.“

„Und nicht zuletzt dieser junge Mann“, James holte Kevin aus dem Hintergrund hervor, „Kevin. Er ist Trainee und in einem Alter, in dem er das Leben genießen sollte. Aber was tut er? Er glaubt, es gäbe nichts Wichtigeres, als anderen zu gefallen. Als die Karriereleiter heraufzuklettern und am besten seine Persönlichkeit dabei komplett aufzugeben. Was soll ein junger Mensch denn erwarten, wenn er allein darauf reduziert wird, wie viel Geld er für ein Unternehmen erwirtschaftet? So geht das nicht!“

James atmete tief durch und blickte in die Runde. „Hört, hört“, durchbrach einzig Walter Frese die Stille, bei der man eine Heftklammer auf den Teppichboden hätte fallen hören können.

„Ich bin heute durch die Hölle gegangen und tue das noch immer. Mein Hund ist weggelaufen und ich bange um sein Leben. Damit meine ich nicht ihn hier“, James zeigte auf das Tier an seiner Seite, das ihn hechelnd ansah. „Ihn habe ich nur unterwegs aufgelesen. Doch heute ist mir eins aufgegangen!“ James zeigte mit dem Laserpointer auf den Begriff auf der Leinwand: „Credibility. Glaubwürdigkeit. Diese schaffen wir nicht, indem wir uns alle bis zur Unkenntlichkeit verstellen. Glaubwürdigkeit ist keine Attitüde, mit der wir spielen können, um unser Gegenüber zu manipulieren. Glaubwürdigkeit entsteht durch die Ehrlichkeit, die wir uns einander vorleben.“ James atmete noch einmal tief durch.

„Im Fahrstuhl auf den Weg nach oben, hatte ich so ein Gefühl. Ein Gefühl das ich nicht deuten konnte, dass mir aber sagte, dass hier irgend etwas nicht stimmt. Jetzt, meine werten Herren, liebe Kollegen, weiß ich was es war: Heute, als ich mich gegen die Karriere und für einen Freund, meinen Hund Bella, entschieden habe, habe ich seit langem das erste Mal wieder den Eindruck ich selbst gewesen zu sein. Und hier oben, gerade eben, habe ich eine Entscheidung getroffen. Denn das Leben ist viel zu kurz, um es zu verschwenden.“

„Ja, ich will nachhaltig handeln. Und ja, ich will auch glaubwürdig sein. Aber ich werde dies alles wohl hier nicht erreichen. Darum verlasse ich den Verlag“, James wandte sich Manfred zu: „Man sollte nie zu träumen aufhören, lieber Herr März. Ich weiß noch nicht, was das heißt. Ich weiß aber, dass ich etwas anderes machen will, etwas Neues, etwas Eigenes“. Manfred war weiß wie ein Laken. Seine Stimme klang gepresst, wie unter großen Schmerzen: „James, scherzen Sie etwa?“ Doch nun war es Mary, die ihm einmal quer durch den Raum antwortete: „Mein Lieber, ein Bridge scherzt nicht!“ Gelächter.

„Hell Blidge?“ Leslie Mingfei nutzte eine kurze Pause. „Kann ich etwas sagen?“ „Ja, natürlich. Augenblick. Ich stelle Sie laut.“ „Äh, Hell Ni hat etwas zu velkünden.“ Man hörte, wie der junge Herr Ni einige Sätze auf Chinesisch sagte. Kurz darauf kam die heisere Übersetzung: „Ich dalf Ihnen mitteilen, dass die Hellen Cheng, Ni und Zhang nicht gekommen sind, um übel ein neues Konzept zu velhandeln. Dies stand nie zul Debatte. Die Hellen sind gekommen, um Ihnen höflichst die Schließung des Vellages zu velkünden. El ist beleits verkauft. Sie elhalten noch ein halbes Jahl Ihl Gehalt.“

Das saß. Ein Paukenschlag.

Manfred März konnte nur noch rückwärts in seinen Sessel plumpsen. Kevin Schmidt pfefferte wütend sein iPad in seine Tasche. Franka Kruse fiel schlagartig ihr erstarrtes Lächeln auseinander. Alle waren baff, keiner fand ein Wort. Bis Manfred – hochrot – nur einen einzigen Satz über seine Lippen zwang: „Führt die Herren Cheng, Ni und Zhang zur Tür. Und…“ Manfred fand zunehmend seine Stimme wieder. „…das Obst bleibt hier!“

 

 

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Katrin Klemm

Portrait: James Bridge

Kapitel 12: Träume und Schäume April 22, 2014

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