DIE KERNFORSCHER

Ruth Betz Kleine Hacks für erfolgreiche Führung im digitalen Zeitalter Kapitel 1: Viel Raum für alle 28. Oktober 2014

Acht Stunden vorher…

Franka betrat das Bürogebäudes um Punkt sechs Uhr morgens. Ein paar Handwerker und das Technik-Team saßen bereits im Foyer. Sie diskutierten laut und heftig. Sie hatten in den letzten beiden Tagen eine stattliche Bühne aus Holz errichtet und angestrichen, den gesamten Raum ausgeschmückt, Kameras und jede Menge Technik positioniert, Leitungen gelegt – und nun sah es hier aus, wie eine Mischung aus Zirkuszelt und Fernsehstudio.

Franka, trug die kleine Anabel auf dem Arm und ging mit ihr zügig in Richtung Fahrstuhl. Zum Glück schlief ihre Tochter und sie hoffte, dass dies noch eine Weile so blieb. Später würde “Opa Jim” kommen und die Kleine in die Kita bringen. Bis dahin jedoch gab es einiges zu tun.

Als sie Franka sahen, verstummten die Männer. “Guten Morgen. Sieht gut aus!”, rief sie zu ihnen hinüber, um überhaupt etwas zu sagen. Die Männer nickten im Gleichtakt, blieben aber stumm. Franka ging zum Fahrstuhl und drückte den Knopf. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie einer von den Männern aufstand und auf sie zu kam. “Fräulein!”, der Mann beschleunigte seinen Schritt. “Fräulein!!” Franka blieb nichts anderes übrig, als die offene Fahrstuhltür zu ignorieren. “Bitte nicht so laut, mein Kind schläft!” Der Mann hatte sie fast erreicht. Genauso laut wie vorher rief er nochmals: “Warten Sie mal…” Franka sah ihn einen Moment an, dann lächelte sie besonders freundlich: “Kruse heiße ich, dass wissen Sie doch, Herr Lennart” Gregor Lennart brummelte irgend etwas von: “Ja ja, schon in Ordnung”. Dann dreht er seinen breitschultrigen Körper etwas zur Seite, um den Blick auf seine Kollegen freizugeben. “Wir kommen nicht weiter. Wenn wir die Ersatzteile nicht kriegen, geht bald gar nichts mehr. Das habe ich ihnen gestern schon gesagt. Sie haben versprochen…”

Seine Stimme war zwar etwas leiser geworden, doch hatte sie nun den typischen vorwurfsvollen Beiklang, den Franka nur zu gut kannte. Der Handwerker und seine Kollegen ließen sie wissen, dass ihre Arbeit eine Wissenschaft für sich war, die den Normalsterblichen auf ewig unergründlich bleiben würde, auch wenn sie noch so intensiv nachfragten. Alles was Franka tun konnte, war sie nach Leibeskräften zu unterstützen, sie zu bedienen, zu versorgen und – so selten wie möglich dabei im Weg herumzustehen.

“Ich habe den Lieferanten gestern angerufen und Ihre Bestellliste in Auftrag gegeben. Aber sollte das nicht eigentlich Ihre Aufgabe sein?…” hob sie an. Doch Lennart hatte ihr schon wieder den Rücken zugewandt und ging zurück zu den Kollegen: “Wenn die Sachen bis Mittag nicht da sind, dann bleiben heute Abend die Lichter aus. Die Kollegen von der IT, können bis dahin sowieso nur rumsitzen und warten. Aber ich muss das ja nicht zahlen…” Ein IT-Mann grinste und nickte dabei anerkennend. Franka rief ihm, so leise es ging, hinterher: “Ich werde dort gleich noch mal anrufen und melde mich, sobald ich mehr weiß”. Dann wollte sie im Fahrstuhl verschwinden. Doch Lennart legte noch einen nach: “Und sorgen Sie dafür, dass dieser dünne Lulatsch mit der Brille hier nicht so viel herum schleicht und filmt. Der macht uns noch alle ganz kirre.” “Äh ja, gut ich sag es ihm…” gab Franka klein bei.

Die Fahrstuhltür schloss sich und hoch ging es ins sechste Stockwerk. Franka schaute in den Spiegel. Unter ihren Augen hatten sich dunkle Mulden gebildet, die sie noch nicht einmal mit ihrem “Schminke-Rescue-Set” weg bekam. Sie war einfach urlaubsreif. Und in den Nächten schlief sie kaum noch. Spätestens ab vier Uhr morgens lag sie wach herum und wälzte ihre Sorgen, gruppierte ihre To Dos in imaginären Listen immer wieder neu und horchte in die Stille hinaus, während es in ihrem Innern dröhnte.

Sechster Stock. Die Tür öffnete sich und Franka stand direkt im großen Raum des Büros. Dem “Newsdesk”… Walter Frese, der die Räumlichkeiten ausgesucht hatte, hatte ihr erzählt, dass ein modernes Medienunternehmen wie das ihre nun mal in genau so einem großen Raum untergebracht zu sein habe. Schließlich ginge es um Kommunikation und da störten Wände nur. Außerdem hatte er das in etlichen TV-Serien gesehen und da war das exakt genauso.

Es gab also nur diesen einen riesigen Raum, mit insgesamt 12 Arbeitsplätzen. An seiner Seite jedoch befanden sich noch eine kleine Küche, mit Speisekammer, ein nicht ganz so kleiner Archivraum, in dem auch die Server untergebracht waren, die Damen-WC´s, die Herren-WC´s und eine Garderobe. Eine echte Ruhezone gab es nicht. Was Franka und die anderen zunächst nicht gestört hatte, sich aber immer mehr als Problem erwies.

Franka erreichte ihren Arbeitsplatz. Einen geräumigen Schreibtisch mit einer großen weißen Glasplatte, einem nagelneuen Apple-Rechner – eine Intervention von Kevin Schmidt – mit riesigem Display. Einer Plexiglasablage für ihre Unterlagen und einem Schubladentisch aus weißen Metall. Sie warf ihre Jacke über die Rückenlehne des Stuhls, verfrachtete die schlafende Anabel auf die Bürocouch und startete den Rechner. “Die Bestellliste!” Franka schaute in die Ablage und fischte dort die Bestellliste für die Handwerker hervor. Noch war es zu früh den Handwerker anzurufen, aber sie legte sich schon mal den Zettel bereit.

6:21 Uhr.

Das Büro war noch leer. Wie immer. In den letzten Wochen war sie immer die erste gewesen. Doch auch wenn sie sich noch so anstrengte, schaffte sie es kaum die wichtigsten Aufgaben des Tages abzuarbeiten. Kaum hatte sie sich ein wenig durchgekämpft, kam jemand um sie mit neuen – gaaaanz dringenden – Todos zu versorgen. Manchmal fand sie sogar morgen eine handschriftliche Notiz von jemandem, nicht immer in gut lesbarer Handschrift: “Kannst Du mal…”, “Bitte mach doch…”, “wir brauchen noch dringend…” Ganz oft war ihr noch nicht einmal klar, wer ihr die Zeilen hinterlassen hatte und es kostete sie zusätzliche Zeit das zu ermitteln. Doch seit Anfang der Woche hatten sie ja endlich ihr Zentrales Projektmanagement-System, an das jeder Arbeitsplatz angeschlossen war, das man auch von Zuhause und über das Handy erreichen konnte, und durch das noch niemand – außer Kevin, von dem es kam – durchgestiegen war. Warum bitteschön brauchte man ein Großraumbüro, wenn dann doch wieder alle Kommunikation über das EDV-Netzwerk lief?

Der Rechner war hochgefahren und Franka wählte sich ins Netzwerk ein. Es gab zwei Passwörter: Eins für das Netz und eins für ihren Arbeitsbereich. Beide so kryptisch, dass sie sie jedes Mal von einem “Geheimzettel” ablesen musste. Beide fast so lang wie die IBAN-Nummer für diese elenden SEPA-Zahlungen bei der Bank. Franka tippte brav alles ein, verschrieb sich natürlich einmal, wiederholte es und endlich sah sie das Logo der Projekt-Software: Eine goldenes Glöckchen, darunter stand “DingDangDone” und als ob das nicht reichte, gab das Programm tatsächlich ein Ding Dong von sich, wenn man es startete, wenn man einen Kollegen zum Chat einlud, wenn man eine Aufgabe erledigt hatte und wahrscheinlich auch, wenn man es in den digitalen Papierkorb schmiss um es für alle Zeit ins Daten-Nirvana zu verbannen.

Franka befand sich noch im Trainee-Modus, in dem sie von etlichen hilfreichen Dialogen behelligt wurde: “Guten Morgen, Franka” stand dort und “Was willst Du machen? 1. Ich will meine Aufgaben für heute sehen. 2. Ich will eine neue Aufgabe hinzufügen. 3. Ich will die Aufgaben der Kollegen in meinem virtuellen Arbeitsraum sehen. 4. Ich will einem Kollegen eine Nachricht schreiben. 5. Ich will einen Termin in meinen Kalender eintragen. Und so ging es weiter – insgesamt 20 mögliche Aufgaben. “21. Ich will jetzt erst mal einen Kaffee. DingDong!” blaffte sie ihren Rechner an, stand auf und sah zu Anabel, die noch immer auf der Couch lag und schlief. Prima. Dann ging sie in die Küche, schaltete das Licht an und warf die Kaffeemaschine an. Wenigstens ein Geräusch, das ihr gefiel. Obwohl ihr das tägliche kurze Gespräch mit Georgia im Café Azul-Celeste wirklich fehlte.

6:35 Uhr.

Frankas Telefon klingelte. Mit einer Tasse heißen Milchkaffee bewaffnet, rannte sie zum Tisch und nahm ab: “YNN. Franka Kruse” “Hallo?” die Stimme auf der anderen Seite der Leitung klang verwirrt. “Ist dort nicht NettNuss?” Jetzt war es Franka die staunte. Sie überlegte kurz, dann kam sie drauf: “Ach. Sie meinen Your Net News? Ja. YNN ist nur die Kurzform, wir haben…” “Aufmachen” rief die Stimme. “Wir stehen unten und wollen die Fenster sauber machen” “Ach. Natürlich. Augenblick” Franka fingerte an der Telefonanlage herum und einen kurzen Moment später hörte sie durch den Hörer das Summen der Haustür im Foyer. Kurz bevor sie auflegte, war noch eine andere Stimme zu hören: “Halt. Was machen sie hier?” “Wir machen die Fenster.” “Na, dann, kommen sie mal mit…” Dann wurde der Hörer aufgelegt.

Wenig später ging die Fahrstuhltür und heraus traten drei junge Männer in hellgrünen Overalls auf deren Latz in grellem Gelb “FensterKings” stand. “Na dann mal los meine Majestäten” nahm Franka die Drei in Empfang und zeigte auf die Fensterreihen. “Wo gibt´s Wasser?” fragte der augenscheinlich jüngste von ihnen. “Dort drüben, in der Küche ist ein großes Becken. Soll ich es ihnen zeigen.” “Ne, das schaffen wir schon allein.”

“Wollen Sie bitte mal aus dem Weg gehen?” kam es aus dem Fahrstuhl. “Herr Frese?” “Allerdings.” Walter kam aus der Kabine, ging auf sie zu, übersah ihre ausgestreckte Hand und lief direkt in “Newsroom” hinein. “Warum ist es so dunkel?” “Weil die Sonne noch nicht aufgegangen ist? Guten Morgen Franka” Jetzt kam Mary. Sie hatte sich in ein rotes Kostüm geschmissen, fast etwas overdressed und lief direkt den drei Königen hinterher. In der Hand vier große Papiertüten mit Zutaten. “Die Küche ist heute mein Reich!”

“Machen Sie doch mal das Licht an, Fräulein Kruse, man kann ja kaum die Hand vor Augen sehen. Ich frage mich auch, wie diese Fensterwäscher da arbeiten wollen. Achten Sie bitte unbedingt darauf, dass sie hinterher richtig abrechnen.” Walter Frese stand an seinem Schreibtisch, genau in der Mitte des Raumes und schaute wie ein General über sein Schlachtfeld: “Wir haben noch einiges zu tun, Fräulein Kruse” “Wem sagen Sie das, Herr Frese” Franka schaltete die Zentralbeleuchtung an, auch wenn sie das wegen Anabel hatte vermeiden wollen und ging dann zu ihrem Tisch zurück. Ihr Telefon klingelte wieder.

“YNN. Kruse?” “Hier Lennart, haben Sie schon was erreicht?” “Wie stellen Sie sich das vor? Es ist noch nicht einmal Sieben…” “Versuchen sie es trotzdem!” Aufgelegt. “Was für ein Typ…” dachte Franka. In diesem Moment ging schon wieder der Fahrstuhl. Herr März und James kamen. Beide diskutierten so laut, dass man es im ganzen Büro hören konnte: “Das sage ich niemals. Niemals!” rief Manfred März. “Aber wenn sie es nicht sagen, fehlt ein ganz wichtiges Argument” “Ich bin doch keine 20 mehr” James überlegte. “Gut, dass Cool streiche ich, aber das Next Big Thing muss bleiben. Sonst muss ich die ganze Passage ändern.” “Ist mir doch egal. Dann ändern Sie die Passage eben. Sie müssen ja auch nicht nachher da auf der Bühne stehen. Nehmen sie das noch mal mit. Es ist ja noch etwas Zeit. Wenn Sie die neue Version haben, kommen Sie zu mir…” Ohne ein weiteres Wort riss James die Zettel mit dem Sprechtext an sich, ging auf seinen Tisch zu und startete seinen Computer. Mary steckte kurz den Kopf zur Küchentür hinaus. “Guten Morgen mein Sohn!” “Mum.” Ihm war nicht nach Konversation.

Der Tisch von James war direkt hinter dem von Franka. “Morgen Frau Kruse” “Morgen Mister” Irgendwie hatten es die beiden noch immer nicht zum Du geschafft, aber das tat ihrer guten Beziehung keinen Abbruch. Franka war sehr froh, dass James das Team so eng zusammengeschweißt hatte, froher, als sie es sich zu zeigen traute. Sie drehte sich zu ihm um. “Das wird was heute.” “Ja, das wird´s” James war schon lange wieder in sein Text vertieft. “Guten Morgen Mr. X” Franka streichelte kurz den Hund, der zur Begrüßung seinen Kopf auf ihr Knie gelegt hatte. “Kruse?” “Ja.” “Ich will Sie ja nicht nerven. Aber ich brauche nachher noch mal eine Übersicht aller Fachwörter die Herr Schmidt in den Text hinein gedrückt hat. Wenn die Kollegen von der Presse nachfragen, kommt März ins Schleudern” “In Ordnung. Halbe Stunde?” “Ja. Danke” James war in den Text vertieft und sah das unsichere Lächeln von Franka gar nicht erst. “DingDong!” machte es und James stöhnte genervt.

7:12 Uhr.

Franka hatte versucht den Lieferanten anzurufen. Ohne Erfolg. Da lief nur der AB. Doch sie hatte keinerlei Lust, Herrn Lennart zu informieren. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen zusammen. Erst Kevin, der die Erstellung der Fremdwörter-Liste gleich wieder an sie zurück deligierte: “Habe keine Zeit zu helfen. Muss auf den bescheuerten Web-Designer aufpassen.” war sein knapper Kommentar, dann fuhr er gleich wieder runter zum Foyer. Eine Videokamera-Tasche umgehängt. Sie hatte ganz vergessen ihn zu warnen. Na, selbst Schuld.

Dann kamen die ersten Praktikanten. Normalerweise fingen sie erst um 10 Uhr an, doch heute war ein besonderer Tag, und es wurde jede helfende Hand gebraucht. Es waren auch zwei neue dabei, die sich sofort an ihre Fersen hefteten und mit Fragen bombardierten. Kurz darauf erschien Leslie Mingfei Schneider. Sie trug eine Art Tracht und sah sehr adrett darin aus. Sie steuerte direkt auf Franka zu: “Flanka. Guten Molgen! Was kann ich tun?” Franka überlegte kurz: “Hm. Du könntest Mary in der Küche helfen” “Maly?” “Ja Mary. Die macht Sandwiches für alle und noch ein paar andere Leckereien. Hast Du Lust?” “Oh ja. Und, Flanka…?” Irgendwo in Frankas Rechner machte es gleich zwei Mal “DingDong!”

“Ja,…?” “Ist del junge Mann mit del gloßen Blille schon da?” “Wie bitte?” “Kevin?” Leslie schien irgendwie aufgekratzt. “Genau. Ich habel ihm vesplochen, ihm einen Kontakt zu einel chinesischen Web-Filma helzustellen.” Seltsame Gedanken machten sich in Frankas Kopf breit. “Hm. Ja, Herr Schmidt ist vor einiger Zeit wieder nach unten gefahren und wohl jetzt im Foyer” “Gut, dann gehe ich elst mal nach unten und danach zu Maly” Franka tat so, als sei das eine ausgezeichnete Idee. “Ja, prima, mach das. Bis später” “Bis spätel” erwiderte Leslie, zupfte ihr Kleid zurecht und schwebte in Richtung Fahrstuhl davon.

Gerade als sich Situation wieder etwas zu entspannen schien, durchfuhr ein gellender Schrei das ganze Büro: “Ich krieg nen Fön!! So was hab ich ja noch nie gesehen. Und das soll ICH bezahlen? Fräulein Kruse kommen sie sofort einmal her! Schnell!” Franka atmete tief durch. “DingDong kam es aus ihrem Rechner” und es fiel ihr wirklich leicht den Arbeitsplatz zu verlassen. Mit den beiden Praktikantinnen im Schlepp machte sie sich auf den Weg zu Walter Freses Schreibtisch.

“Na mein lieber Herr Frese, was gibt´s denn jetzt schon wieder?”

 

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Katrin Klemm

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