DIE KERNFORSCHER

Gelassen unterwegs im Hier und Jetzt 6. November 2017

Es geht den Menschen wie den Hunden…

Den Nebel nehme ich zuerst gar nicht wahr. Der Morgen ist sonnig und kühl. Gelassen trabe ich los. Perfektes Wetter zum Laufen. Nur der Boden ein bisschen matschig vom Regen der letzten Nacht. Samtig duftet der Herbst in Hamburg. Wie immer wimmelt es von Menschen mit Hund an der Alster. Oder von Hunden mit Mensch?

Praktische Klischees

Zuerst der struppige Knuddel. Ziellos wetzt er hin und her, witternd die Nase in der Luft. Kein Mensch mit Leine zu entdecken. Er guckt mich an. Ich guck zurück. Schulterzucken. Welcher Mensch gehört zu dir? Zu tief in sein Tun versunken hat sich der Struppige verspielt und dabei wohl die Zeit vergessen. Kenn ich. So geht es mir auch, wenn mich eine Story packt. Aha, jetzt trottet er los. Na klar, die Dame am Straßenrand trägt fast die gleiche Frisur wie er. Milchiges Grau, ein bisschen zottlig zerzaust. Stimmt, Hund und Besitzerin sehen sich ähnlich. Wie praktisch sind doch Klischees…

Vertrauen braucht kein bla bla

Ein roter Ball rollt den Abhang zum Wasser hinunter. Kein Hund hetzt hinterher. Dort hinten trottet gemächlich ein Retriever. Seelenruhig schenkt er ein bisschen Aufmerksamkeit dem vor ihm her wackelnden Dackel. Und ganz viel sich selbst. Dem Ball bestimmt nicht. Der Ballbesitzer naht mit Ball-Wurfgerät (Diese Dinger sollen Herrchen das Bücken und den Sabber ersparen, wenn Hundchen den Ball schwanzwedelnd herangeschleppt bringt. Soweit die Theorie.) Dieser große blonde Hund wedelt nicht und schleppt schon mal gar nichts. Herrchen muss selbst ran. Er schliddert den Abhang hinunter und bückt sich tief. Ächzend angelt er im Schilfgürtel nach dem Ball und richtet sich bedächtig wieder auf.

So wie mein inneres Lästern verstummt folgt meine Phantasie den Jahren, die Herrchen und Hund schon miteinander verbracht haben mögen. Beide nicht mehr die Jüngsten. Illusionen über das Leben verblasst. Wozu sich noch über gefundene oder verlorene Bällchen den Kopf zerbrechen. Die beiden kennen sich, vertrauen sich. Und machen nicht mehr viel Gewese um Dinge, die keinen Kommentar brauchen.

Lebensfreude steckt an

Ganz anders der Hunde-Bubi vor mir. Schwarze Plüschohren, bebend vor Aufregung, bellt er enthusiastisch alles an, was ihm vor die Schnauze läuft. Was ist die Welt doch aufregend und neu. Noch so viel zu entdecken, so viel zu erleben. Herrchen lässt gut gelaunt die Leine locker, den Welpe tollen und herumalbern. Vielleicht ist am Wochenende Hundeschule. Das reicht als „Ernst des Lebens“. Jetzt ist die Zeit, gemeinsam Spaß zu haben. Zwei Augenpaare strahlen – Besitzerstolz, Neugierde, Freude auf den kommenden Tag? Ich hab keinen Schimmer. Doch ganz plötzlich auch eine kribbelige Lebensfreude im Bauch.

Zu viel Ziel, zu wenig Leben

Auf der anderen Straßenseite, Höhe Feenteich, strebt einer des Weges als verfolge er ein ganz konkretes Ziel, eifrig und flott. Schlanker hochbeiniger Körper, bestimmt Rasse, gesellschaftsfähig, gut trainiert. Er eilt an einer langen gelben Leine. Im Schlepptau ein Smartphone. Mit einem Mann dran. Auch der zielstrebig, er redet und redet und redet. Nicht mit dem Hund, ne. Business first. Er wird später keine Antwort geben können, auf die Frage, was er unterwegs erlebt hat. Ach ja, ein Hund war dabei. Erster Tagesordnungspunkt für heute abgehakt: Gassigehen mit … Wie hieß der Hund doch gleich?

Immer wieder Status

Es folgt eine malerische Szene zu dritt (die Menschen nicht mitgezählt). Wie schnell Hunde ohne ein einziges Wort klarmachen, wer Chef oder Chefin im Revier ist. Die Ohren anlegen, den Oberkörper flach, ein deutliches Knurren – da gibt es einfache Regeln, kein großes Geschiss und die Sache ist klar. Statusspiel zu dritt: oben – unten – irgendwo in der Mitte. Verhandelt wird in Sekundenbruchteilen. Dann hält man sich dran. Bis neue Mitspieler auftauchen… Diesmal triumphiert Spaniel über Bulldogge. Bulldoggen- Herrchen drängt den Gefährten irritiert zum Aufbruch. Ende der Szene? Nicht ganz. Wenige Meter weiter zwingt Bulldogge in vollem Galopp eine Radfahrerin zur Vollbremsung. Herrchen’s Kommentar: verächtliches Schulterzucken. So Status, wieder hergestellt…

Gelassen Energie sparen

Jetzt überholt mich ein Hund, blauer Plastikknochen im Maul. Von hinten nähert sich sachtes Keuchen. Coole Idee: der Hund als Tempomacher für die quietschpink verpackte Joggerin. Clevere Strategie. Ob unsere Urururahnen das auch schon bei der Jagd genutzt haben? Wenn du nicht mehr rennen kannst, schick den Hund voran. Lass ihn machen. Folge ihm. Sei erst da, wenn es wirklich drauf ankommt. So powerst du dich nicht über alle Maßen aus. Die Joggerin grinst mir verschwörerisch zu. Liest sie meine Gedanken?

Am Rondell ist Halbzeit für mich. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine wunderbare Stadt sich noch gar nicht aus ihrem Nebelbett gepellt hat. Wattig verhüllt kann man die City nur ahnen, keine Kirchtürme, kein Michel, keine Elphi. Ich gönne es mir, diesen Moment wirklich wahrzunehmen. Nichts zu entdecken in der Ferne. Alles vage. Sicher ist nur, was direkt vor mir liegt. Das kann ich greifen wie das rostige Geländer am Ruderclub, riechen wie das rottende Herbstlaub, spüren wie die feuchte Kühle, die vom Wasser heraufzieht.

Ich bin hier. Mittendrin. Das also heißt Hier und Jetzt. Im Moment sein. Und nur hier. Im nächsten Augenblick denke ich an Bella. An all das was hinter mir liegt und vor mir. Ich laufe wieder los.

2 Kommentare

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2 Comments

  1. Anja

    Danke für diesen wunderschönen, entspannenden Alsterspaziergang!!!!!!

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    • Katrin Klemm

      Sehr gern, da haben wir das Grün und das Wasser direkt vor der Haustür. Und schlechtes Wetter gibt es ja in Hamburg nicht wirklich :o).

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Katrin Klemm

Gelassen unterwegs im Hier und Jetzt November 6, 2017

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