DIE KERNFORSCHER

Portrait: Bella Epilog: Nachspielzeit 13. Mai 2014

Abends.

„Noch etwas Pasta? Es könnte eine lange Nacht werden!“ James hielt die große Schüssel mit den dampfenden Spaghetti in die Runde. Doch so wie es schien, waren alle pappsatt. Die kleine Gruppe, der „harte Kern“, saß bei ihm zuhause in der Küche und hielt Krisensitzung. Nach einer solchen Nachricht hatte niemand so richtig Lust gehabt nach Hause zu fahren. Als die Delegation das Verlagsgebäude verlassen hatte, hatten sich alle erst einmal ein paar Minuten zurückgezogen, um ihren Freunde und Verwandten von der Hiobsbotschaft zu berichten. Der Verlag wurde zerschlagen, die Arbeitsplätze gestrichen. Und das in diesen Zeiten.

Dann aber war es James Idee gewesen, von Raum zu Raum zu gehen, und die Mitarbeiter persönlich anzusprechen. Auf dem Arm, Mr. X, wie sie den neuen Hund kurzhand getauft hatten. Er war zu Kevin gegangen und hatte mit dessen Hilfe die Suchanzeige auf Facebook noch mal erneuert. Dann hatte er bei seinem Freund Frank Schlechter vorbeigeschaut, der ihn kurz und wie beiläufig umarmte und hatte ihm Mut zugesprochen. Gerade er, James… Danach hatte er nach Franka geschaut und hatte sich für ihre Hilfe bedankt. Und nachdem er auch allen anderen aus dem Team einen kleinen Besuch abgestattet hatte, um sie etwas zu beruhigen, betrat er das Büro von Manfred März. Dieser hatte in seinem Schreibtischstuhl gesessen und mit leerem Blick zum Fenster hinausgestarrt. „Wofür das alles?“, hatte er gefragt, „Wofür?“ Und James war nichts besseres eingefallen, als „Damit es weitergehen kann“ zu erwidern. Im Nachhinein fand er seine Antwort gar nicht so dumm.

Einer weiteren Eingebung folgend hatte James dann alle kurzerhand zu sich nach Hause eingeladen. Irgendwie fühlte er sich mitschuldig an dem Dilemma, obwohl sich ja herausgestellt hatte, dass keiner daran etwas hätte ändern können. Die meisten hatten zugesagt, mit den anderen hatte er Telefonnummern ausgetauscht. Zum Glück war die aktuelle Ausgabe des Zuchtstiers vor kurzem erschienen – morgen würde bestimmt keiner in der Redaktion erscheinen.

Manfred März hatte eine kurze, wenn auch sehr heftige Unterhaltung mit der Verlagsleitung geführt. Diese, und auch die Leitung der anderen Zeitschriften, war bereits informiert. Manfred war wütend auf James, aber nicht, weil dieser ihn im Stich gelassen hatte, sondern weil er so Recht gehabt hatte mit seinen Worten im Konferenzraum und er, der Chef, nicht schon früher auf den Tisch gehauen hatte. Doch nun war alles gelaufen. Jetzt würde er doch noch kurzfristig in den Urlaub können. Als er seiner Frau davon erzählte, war sie – trotz der Gesamtsituation – nicht unglücklich. Im Gegenteil. Manfred überlegte hin und her, ob er der Einladung von James folgen sollte. Eigentlich hielt er das Unterfangen, den Traum, von dem ihm James zwischen Tür und Angel erzählt hatte, für unsinnig. Sie alle sollten weitermachen? Mit einem eigenen Projekt? Aber irgendwie war er es seiner Truppe schuldig und ein Gutes hatte das reinigende Gewitter gehabt: Sein Magen hatte sich beruhigt und es ging Manfred besser als er sich eingestehen wollte.

Franka hatte gleich ihren Vater angerufen und gebeten, noch etwas länger auf ihre Tochter aufzupassen. „Das wird schon wieder“, hatte er gesagt. Aber das sagte er ohnehin bei fast jeder Gelegenheit. Franka nahm die Sache sehr ernst. Immerhin war sie alleinerziehend und hatte ein Kind zu versorgen. Und der Arbeitsmarkt sah nicht gerade rosig aus. Die Worte von James hatten ihr dennoch imponiert. Das hätte sie Spocky gar nicht zugetraut. Es war schon lustig mit anzusehen, wie die Delegation wortlos ihres Weges gezogen war. Zwar gab es eine ganze Reihe von Verbeugungen auf allen Seiten, doch diese schienen eher wie die Verabschiedung der Darsteller nach einem schlechten Theaterstück. Keiner wollte es mehr sehen.

Franka hatte auch Leslie Mingfei Schneider gedankt. Sie schien wirklich sehr angeschlagen, hatte aber gefühlte fünfzig Mal noch ihr Bedauern über den Verlauf des Tages zum Ausdruck gebracht. „Es ist nicht Ihre Schuld Leslie. Da konnten Sie nichts für. Wir halten auf jeden Fall Kontakt! Aber jetzt gehen Sie lieber sofort ins Bett. Gute Besserung!“ Und dann hatte sie doch tatsächlich ihren Vater zitiert: „Das wird schon wieder“.

Frank Schlechter hatte sich in sein Büro zurückgezogen. Er hatte die Tür hinter sich geschlossen und die Unterlagen der Chinesen in die Ecke gefeuert. Dann hatte er seinen Mantel übergeworfen und war hastig los. James hatte ihm gerade noch auf dem Weg zum Fahrstuhl für den Abend einladen können. „Mal sehen. Mir ist eigentlich nicht danach“ hatte er erwidert. Doch er war gekommen.

Kevin hatte lange hin und her überlegt. Immerhin war er zum Kino verabredet. Ihn hatte es besonders getroffen und beim Telefonat mit seiner Freundin hatten sie sich so heftig gestritten, dass Melanie gesagt hatte, sie wolle ihn nie wieder sehen. Selbst wenn er mit einem schwarzen Porsche vorbeigefahren käme und auf Knien bitten würde. Kevin hatte danach wenigstens fünf Minuten den Kopf geschüttelt. Präsentation geplatzt. Job weg. Vielleicht sogar die Freundin weg. Schlimmer könnte es eigentlich nicht mehr kommen, oder? Doch. Denn nun musste er auch noch seinem besten Freund absagen und das war bei weitem der schlimmste Moment des Tages. In ihm brodelte es. Er würde zwar später auch zu Herrn Bridge kommen, doch in ihm sträubte sich alles. Er konnte förmlich merken, wie aus der Abneigung Bridge und den Kollegen gegenüber echter Hass wurde.

Und nun saßen sie alle bei James in der Küche – oder standen in Ermangelung an Sitzgelegenheiten und versuchten die Niederlage in Hoffnung zu wandeln. Wenigstens waren die Bäuche gefüllt. Schon mal eine gute Ausgangslage.

„Kaffee?“, fragte Mary in die Runde. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, für die ganze Truppe Spaghetti zu machen. Walter hatte ihr assistiert – nicht ohne in einem unbemerkten Moment James zu verraten, dass seine Küche größer und heller sei. Die meisten nahmen dankend an. „Du kennst Dich in meiner Küche ja bestens aus, Mum.“ James war es zugegebenermaßen etwas peinlich. Aber er hatte es nicht übers Herz gebracht, sie darum zu bitten, Zuhause auf seinen Anruf und das Resultat der abendlichen Zusammenkunft zu warten. Also waren sie gleich wieder mit Walters Wagen zurückgefahren.

Mr. X lag im Flur. Ihm hatte die ganze Aufregung doch stärker zugesetzt. Außerdem schien er Schmerzen zu haben, denn hin und wieder drang ein leisen Stöhnen und Jaulen in die Küche herüber.

„Hört mal alle her“, James war aufgestanden. Als jedoch niemand so richtig reagierte, nahm er einen Löffel vom Tisch und schlug ihn ein paar Mal gegen seine Kaffeetasse: „Erst einmal will ich Ihnen – und Euch – dafür danken, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Noch mal herzlich willkommen in meiner Küche. Es hätte ja gut sein können, dass nach meiner kleinen Rede vorhin niemand mehr mit mir zu tun haben will.“ Alle schmunzelten. Alle bis auf Kevin. Doch das bemerkte niemand.

„Ich werde mich gleich anziehen, denn noch immer ist meine Bella da draußen und ich kann heute nicht einfach ins Bett gehen, wenn ich nicht weiß, wie es ihr geht. Einige haben sich bereit erklärt, mit mir Zettel an die Bäume zu heften. Ich werde sie gleich verteilen. Vielen Dank schon mal im Voraus.“ Ein ernster Schatten huschte über sein Gesicht.

„Wer bleiben will, der bleibt einfach. Und wie ich meine Mutter kenne, gibt es später gewiss noch einen kleinen Snack… Doch das ist nicht der Grund für unser privates Meeting. Wir alle wissen, wie es aussieht. Die Medienbranche, insbesondere die Zeitschriftenverlage stöhnen und ächzen. Davon war auch der Zuchtstier betroffen. Ich bin aber der Meinung, dass wir ein gutes Team sind. Und ich glaube fest daran, dass wir gemeinsam was auf die Beine stellen können.“

Manfred wusste, dass es unhöflich war, doch er war zu gespannt: „Jetzt machen Sie mal hinne Mister… Was ist Ihre Idee?“ „Ich weiß auch noch nicht so genau, aber ich glaube, dass wir uns von unserem bisherigen Heftkonzept verabschieden müssen…“ „Sag ich doch“, dieses Mal war es Kevin, der dazwischen redete. Er klang höchst maulig. „Ich weiß Herr Schmidt, Sie haben von diesen Dingen gewiss mehr Ahnung als ich. Ich will und kann auch kein komplettes Konzept auf den Tisch legen. Aber als mir heute zwei sehr nette junge Leute in der U-Bahn geholfen haben, Facebook für die Suche nach Bella zu nutzen, kam mir ein Gedanke: Warum machen wir nicht ein Magazin, das sich wirklich am Leser orientiert? Eine Monatsschrift, die alle Themen die im Netz und in den sozialen Medien angesagt sind aufgreift, moderiert und dabei den Lesern die Möglichkeit gibt, interaktiv einzugreifen? Ich weiß, das ist sehr weit von unserem Zuchtstier entfernt, aber Kevin, Sie werden mir bestimmt zustimmen. Print allein kann einpacken…“

Kevin wurde von einem auf den nächsten Moment wacher: „Die Leute wollen interaktive Inhalte. Und Videos. Facebook und YouTube machen das schon alles.“ „Aber wir können als Journalisten einwirken. Wir können Themen bündeln und hinterfragen. Warum nicht Video und Print schlau miteinander verbinden?“ In James Kopf formte sich ein erstes Bild. „Ja, aber…“. „Jetzt ist mal gut mit dem ‚Ja aber‘ Herr Schmidt. Ich freue mich auf Ihre Vorschläge“, Manfred konnte James noch nicht richtig folgen, aber in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass sie eine Spur hatten. Einen Hoffnungsschimmer. „Nur, wie wollen wir das finanzieren?“, fragte Franka. Frank Schlechter nickte, um kurz darauf auch noch mit den Schultern zu zucken: „Ja, allein der Vertrieb reißt ein Loch, das wir niemals stopfen können“

Jetzt war es Walter Frese, der sich zu Wort meldete. Ja, er meldete sich tatsächlich wie in der Schule. Zusätzlich schnippte er sogar aufgeregt mit den Fingern. „Walter? Was gibt´s? Haben Sie was beizusteuern?“ Walter trat an den Tisch und nahm den dezenten Ansatz einer Heldenpose ein: „Und ob. Das mit dem Geld lassen Sie mal meine Sorge sein. Wenn an der Idee wirklich was dran ist, werde ich mich darum kümmern. Ich weiß eh nicht, wohin damit!“

„WOHIN DAMIT? WALTER?“, Mary warf ihm einen vielsagenden Blick zu, den er grinsend erwiderte. Der Rest der Gruppe guckte wie eine Herde Kühe, wenn es blitzt. Keiner von ihnen wusste, dass das eigentliche Abenteuer in diesem Augenblick erst begann.

 

Ganz woanders und viel später

 

Florian trottete die Schanzenstraße entlang. Er war auf dem Heimweg. Es war kurz vor Mitternacht und er zitterte am ganzen Körper. Mehr als vierzehn Stunden hatte er in der Fußgängerzone Ottenser Hauptstraße in Altona gestanden und versucht, mit seinem Gitarrenspiel etwas Geld zusammenzubekommen. Jetzt waren seine Finger komplett steif gefroren, er hatte Hunger und die Beine taten ihm weh. Eben erreichte er den Schanzenpark. Zum Glück würde er heute bei seinem Freund Timmy schlafen. Der hatte immerhin ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung.

Zwei Betrunkene saßen auf einer Bank und debattierten lautstark. Florian ging auf sie zu und drückte jedem zwei Euro in Hand. Er wusste wie es war, kein Geld in den Taschen zu haben – gerade an so schlechten Tagen. Kalten Tagen wie diesem. Heute hatten sich gerade mal vierzig Euro in seiner Tasche eingefunden… Da kam es auf die paar Kröten auch nicht an.

Florian hatte den Park fast durchquert. Bei jedem Schritt schlug der Gitarrenkasten hart gegen seinen Rücken und gab dabei einen leisen, hölzern sirrenden Ton von sich. Florian summte ein Lied. Gleich würde er sich über die belegten Schnitten her machen, die ihm eine Dame im lila Ski-Anzug noch zugesteckt hatte. Darauf freute er sich. Doch mit einem Mal blieb er stehen und horchte.

War das nicht ein leises Jaulen gewesen? Nichts. Als er gerade seinen Weg fortsetzen wollte, war es wieder zu hören. Es klang erst wie das Schluchzen eines Säuglings, als er aber weiter darauf zuging, erkannte er was es war: Ein Hund! Florian rief: “Hallo?” Nichts. Und noch mal: “Hallo? Wo bist Du denn?” Nach einem Moment winselte es wieder ganz in seiner Nähe. Florian ging auf das Gebüsch zu, schob ein paar Äste beiseite und erkannte im fahlen Mondlicht eine graue Hundeschnauze, aus der in Stößen weiße Atemwölkchen kamen. Das Tier lag eng zusammengerollt und zitterte noch heftiger als er. Zögerlich schaute es nach oben, ihm direkt in die Augen und gab ein herzergreifendes Stöhnen von sich.

“Wer bist Du denn? Was machst Du hier?”, Florian war ganz aufgeregt und hatte innerhalb eines Augenblicks Kälte und Hunger vergessen. Er erinnerte sich an die Begegnung mit dem etwas spleenigen Engländer, der seinen Hund gesucht hatte. “Sag mal, bist Du vielleicht…”. Ihm fiel der Name des Tieres nicht ein. “…diese, diese, mmh, Ella?” Wie auf Kommando sprang der Hund auf, arbeitete sich schwanzwedelnd durch das nasse Gestrüpp und drängte sich an seine Beine. Florian wurde ganz warm ums Herz: “Weißt Du was…? Du kommst jetzt erst mal mit mir!” Sprach´s, griff nach dem Hund und wuchtete ihn hoch. Florian spürte eine große warme Zunge an seiner Wange, während er weiter durch den Schnee in die Nacht hinein stapfte.

Fortsetzung folgt…

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Katrin Klemm

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