DIE KERNFORSCHER

Portrait: Kevin Schmidt Epilog: Das war´s 24. Januar 2017

Gar nicht so weit weg und nicht viel später.

Die ganze Nacht hatte Kevin in seinem Büro am Schreibtisch gesessen, hatte auf den Monitor gestarrt, ihn beschimpft, sogar einmal – zwar nicht absichtlich – angespuckt, dann aber sofort abgewischt. Er war aufgesprungen, hatte sich die Haare gerauft, seine Brille abgenommen, geputzt, wieder abgenommen und nochmal geputzt, sie einmal quer durch den Raum geschleudert, sie gesucht, begutachtet und noch mal geputzt. Und als seine dunkelste Stunde anbrach, hatte er wie ein kleines Kind geweint, nicht nur ein bisschen, sondern heftig, mit großen Schluchzern, zitterndem Kinn und leichter Atemnot, bis keine Träne mehr in ihm war. Zum Glück war er allein auf der Etage. Niemand konnte ihn sehen oder stören.

Danach, so vor zwei Stunden, hatte er seinen Rechner ausgeschaltet, hatte sich die große Verpackungskiste von seinem 3D-Drucker geschnappt, der noch immer in der Ecke stand und damit begonnen, seine Sachen zusammenzupacken. Zwar hatte das Telefon mehrfach geklingelt, sein Firmenanschluss und auch sein Handy, aber er war nicht rangegangen. Er wusste ja, wer es war. Und er wusste auch, wie die Unterhaltung ablaufen würde. Mehr noch. Er hatte sie immer wieder in seinem Kopf durchgespielt, hatte sich überlegt, welche Ausreden ihm noch blieben. Wie er Lian Li doch noch würde überzeugen können, dass das alles doch gar nicht seine Schuld gewesen sei. Was konnte er denn dafür, dass PocketStreamingTV, den Hals aus der Schlinge und daraus sogar noch Profit gezogen hatte?

Kevin hatte sich in seinem Büro umgesehen und lange überlegt: So viel war es gar nicht, was ihm gehörte. Die meisten Dinge hatte ihm Mingrí angeschafft. Die meisten Dinge würde er hier und hinter sich lassen müssen. Doch ein paar Sachen gab es, die er nun in der Kiste verstauen konnte. Den MP3-Player, ein paar Zeitschriften und die zwei Bilderrahmen vom Schreibtisch. Das eine Foto zeigte seine Mutter. Es war schon alt und die Farben fast vergilbt. Sie saß irgendwo am Strand und schaute einem kleinen Jungen zu, der vor ihr im Sand spielte. Ihm. Sie lächelte in die Kamera und sah so schön aus. Die roten, kurz geschnitten Haare wild gelockt. Wie Ingrid Bergman in “Wem die Stunde schlägt”.
Auf dem anderen Bild war er selbst zu sehen. Er stand neben seinem ersten Auto, einem VW New Beetle in knallrot. Das war noch vor dem Unfall gewesen. Eine glückliche, sorglose Zeit. Eine Zeit voller Abenteuer. Er war gerade mit dem Studium fertig gewesen – und sein Vater hatte ihm den Wagen geschenkt. Als er das erste Mal mit Melanie zusammen war, seiner einzigen Liebe, als er seine erste, wenn auch kleine Wohnung bewohnte und seine ersten Erwachsenenträume träumte.

Kevin seufzte und legte die Bilder in die Kiste. Dann ging er zum Regal und sammelte seine Superheldenfiguren ein. Jede einzelne von ihnen betrachtete er kurz und pustete den Staub herunter, bevor er sie verstaute. Zum Schluss kam sein Laptop dran.

Kevin sah sich noch ein letztes Mal um. Dann schaltete er das Licht aus. Er ging hinaus in den Büroflur, die ersten Kollegen kamen gerade. Er grüßte keinen. Stattdessen ging er zielstrebig zum Fahrstuhl und fuhr nach unten. Erst hier wurde ihm so richtig klar, dass dies sein letzter Tag bei Mingrí gewesen war. Vielleicht sogar das Ende seiner Berliner Zeit. Nur mit Mühe konnte er sich die Tränen verkneifen. Er biss sich auf die Lippe und schaute zu Boden, als er den Fahrstuhl verließ und auf die Straße trat. Draußen war es schon hell.

Kevin ging, den Blick gesenkt, die schwere Kiste mit beiden Händen umklammert, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Doch nach ein paar Schritten rammte er etwas Hartes. Er wollte gerade losschimpfen, als er eine vertraute Stimme hörte: “Na Du Pflaume. Du glaubst wohl, Du wirst mich so einfach wieder los. Was meinst Du, wofür Freunde da sind?” Kevin sah erschrocken nach oben: “Kimme? Aber… Du?” “Lass gut sein. Ich habe mächtig Hunger. Ich sitz schon ne ganze Weile hier. Du hast Dir ja reichlich Zeit gelassen. Kommst Du?”
Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte Marcel Kimme seinen Rollstuhl in Bewegung…

 

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