DIE KERNFORSCHER

Dankbarkeit Katrin Klemm Danke, alles relativ 7. September 2017

Es schüttet in Strömen. Rauschend ergießen sich Wassermassen aus den grauen Wolken über Hamburg auf meinen kleinen Donnerstagsmarkt. Na Danke. Seit gefühlten Stunden sind es immer wieder nur trockene zwei Minuten, die der Herbstregen uns eine Pause gönnt. Seit Tagen beschweren sich alle darüber, dass der Sommer nun schon vorbei ist und stöhnen über das Wetter. Furchtbar, eine Katastrophe.

Aber ich brauche Gemüse und ich brauche Äpfel. Jetzt steh ich unter dem Vordach am Apfelstand, einen Korb voller knackig saftiger Vor-Elstar-Ernte unter dem Arm. Und ich komm nicht mehr weg. Seit bestimmt fünfzehn Minuten bin ich von Stand zu Stand gesprintet. Doch jetzt hab ich alles. Und ich will zurück ins Büro. Die Regenjacke hält zwar oberhalb der Taille die schlimmsten Wassermassen von mir fern, doch meine Hosenbeine sind inzwischen klatschnass. In meinen Schuhen quietschten und quatschen schon die Pfützen. Meine Zehen kühlen sich gerade auf vorweihnachtliche Temperaturen herab. Och nö, ist das eklig.

Die Apfelbauern – Mutter und Sohn – blicken mitfühlend über die Theke. Auch für sie wird das heute kein gutes Geschäft, denn wer nicht muss, geht heute nicht auf den Markt.
Neben mir wartet eine junge Frau mit einem Baby im Wickeltuch vor dem Bauch den Schauer ab. Wir unterhalten uns über Mutter-Kind-Yoga und das gute Angebot der Kirchengemeinde in unserem Kiez. „Guck, da hinten wird es schon heller“, meint sie hoffnungsvoll. Ich bleibe skeptisch. Kann aus dem monotonen Rauschen des Regens noch keine Besserung heraushören. Für mich steigt die durchschnittliche Zahl der plätschernden Tropfen pro Sekunde eher noch an. „Der hat‘s gut“, meint der Apfelbauernsohn und deutet auf das schlafende Baby. “Kind müsste man sein.“ „Hm, denke ich, und warm hat er’s auch“. Mir ist scheußlich kalt. Von meinen Zehen spüre ich inzwischen nicht mehr viel. Und wenn ich daran denke, wie viel Arbeit heute noch auf meinem Schreibtisch auf mich wartet…

„Ist doch gut, dass wir keinen Hurrikan haben“, dringt die Stimme der jungen Mutter gerade wieder in meine Gedanken. „Was bitte?“ „Naja – in der Karibik ist gerade eine kleine Insel so gut wie verschwunden. Fünfundneunzig Prozent aller Häuser einfach weg“. Stimmt, der Hurrikan Irma – da bin ich gar nicht up to date. Ich lese nur noch selten Nachrichten, weil es Tage gibt, an denen ich einfach keine schlechten Botschaften mehr hören will.

Sie hat recht, diese junge Frau in ihrem Regenmantel, die Haare klatschnass, die Yogamatte durchweicht, das Baby immerhin noch trocken – wie sie geduldig mit mir auf die Lücke im Hamburger Dauerschauer wartet. Alles ist relativ – unser Regen ist nur ein bisschen Regen. Und obwohl er genau so kalt bleibt, genauso stark, ist da plötzlich ganz viel innere Ruhe und Geduld in mir. Es ist nur ein bisschen Regen.

Sobald das Tropfengetrommel auf der Dachplane des Apfelstandes ein bisschen schwächer wird, werde ich mich auf mein Rad schwingen, werde in mein trockenes Zuhause radeln, ein weiches Handtuch aus dem gut gefüllten Schrank nehmen und mich warm und trocken rubbeln. Die nassen Klamotten zum Trocknen aufhängen, in eine frische Hose und kuschlige Socken schlüpfen, ich habe reichlich davon im Schrank. Ich werde mir einen heißen Tee kochen und mich an die Arbeit machen. Es geht mir großartig und genau in diesem Moment denke ich wieder einmal daran, Danke zu sagen. Danke dass es mir so gut geht. Und danke, dass es Begegnungen gibt wie diese, die mich immer wieder daran erinnern.

Denn wie heißt es doch so schön „Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch“.

 

 

 

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Foto: zjazjazoie/Pixabay

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